„Happyland“:
Mit aller Zärtlichkeit
und Tragik

„Es war aber meistens gar nicht happy“ höre ich nach „Happyland“ vom tanzmainz club hin und wieder – und kann kaum widersprechen. Die am Donnerstagabend gezeigten Gefühle waren nicht nur positiv. Das müssen sie aber auch nicht sein, damit die Inszenierung mich glücklich macht mit ihrer feinen Präzision.

Nicht der große Effekt oder die große Erzählung wird angestrebt. Das Publikum wird vielmehr mitgenommen auf eine Suche nach Details, die den abstrakten Begriff „Liebe“ fühlbar machen. Wie unter einem Vergrößerungsglas werden kaum wahrnehmbare Brüche und Stimmungsverlagerungen sichtbar und die kleinste Bewegung kann ein Duett plötzlich in ein anderes Licht rücken: Was gerade noch als vertraute Beziehung zwischen zwei Tänzerinnen erschien, die sich eng umschlungen gegenseitig stützen, wird plötzlich zum untergründigen Machtspiel: Eine Tänzerin blickt ins Publikum als wolle sie sagen „glaub nicht alles, was du siehst“, hält ihrer Partnerin den Mund zu und dreht dabei ihr Gesicht ebenfalls zum Publikum. Schnell ist der Moment vorbei, aber plötzlich fällt auf, wie asymmetrisch die Beziehung der Körper ist: Die Tänzerin, deren Mund zugehalten wurde, muss viel häufiger auffangen, stützen, reagieren als die andere.
Der Konzentration auf solche subtilen Emotionen dient auch die klare Form: Gruppenszenen wechseln sich mit Duetten ab, teils mit Musik, teils ohne. Manche Szenen greifen Situationen auf, die wohl vielen Zuschauer*innen vertraut sind: Ein*e Partner*in tanzt, der*die andere will reden; ein Workout zu motivierenden Selbstoptimierungsparolen; Selbstdarstellung durch Kopie von Modelposen.

Andere zeigen überraschend neue Bilder: Leicht asynchrone Gruppenchoreografien erforschen, wie Kontakt von einer Sekunde auf die andere brechen und wieder entstehen kann – weil jede*r Darsteller*in eine eigene Interpretation der gleichen Bewegungen ausführt. Beiläufig werden Motive einzelner Tänzer*innen von anderen übernommen und weiterentwickelt, sodass der Eindruck entsteht, dass bei aller Individualität Verständnis füreinander möglich ist.
Auch die Duette kreieren besondere Momente: Ein Paar korrigiert immer hektischer vermeintliche Schönheitsfehler an Kleidern und Frisur des*der andern und findet sich gefangen in immer gleichen Bewegungsabläufen. Einem – vor Einsamkeit, vor Schmerz über einen Verlust? – am ganzen Körper bebenden Tänzer wird ein glitzernder Luftballon ans Handgelenk gebunden, der ihn langsam beruhigt, bis er ihn in den schwarzen Bühnenhimmel fliegen lassen kann.

Leises Bedauern schleicht sich bei mir ein, als die letztgenannte Szene nicht als starkes Bild in der Schwebe gehalten, sondern durch Text in den Kontext eines alternden Paares gesetzt wird. Zumal die hin und wieder eingesetzten kurzen Sprechpassagen den Tanz ansonsten nicht kommentieren, sondern weitere Bilder entfalten: „Wir langweilten uns sehr schnell und total, mit aller Zärtlichkeit und Tragik“, heißt es da oder: „Ich habe für dich Äpfel geschält“.

Was jedoch vor allem präsent bleibt, ist der überwältigende Facettenreichtum von „Happyland“, die Gefühlsgenauigkeit der Duette und die Vielfalt ihrer Formensprache. Manche Emotionen sind mir so vertraut, dass ich mich fast ertappt fühle. Andere sind aufregend fremd. Ich verlasse also den Saal und das Tanztreffen der Jugend 2017 mit der Gewissheit: Es gibt noch viel zu fühlen.


Foto: Dave Großmann