„Happyland“:
Liebe, die überzeugt!

Hmpf. Liebe? Ernsthaft?

Es ist halb acht. Am frühen Donnerstagabend. Der letzte Aufführungsabend beim 4. Tanztreffen der Jugend. Ich sitze im Festivalgarten und blättere das Programmheft durch. Heute Abend spielt der tanzmainz club vom Staatstheater Mainz. „Happyland“ nennen sie ihre Performance. Es wird um Liebe gehen – kündigen sie in ihrer Stückbeschreibung an. Hmpf. Liebe? Ernsthaft? Ich weiß nicht recht, wie ich mich zu dieser Vorankündigung verhalten soll. Ein bisschen skeptisch bin ich schon. Das Thema Liebe ist schwierig. Und alt. Sehr alt. Schon viele haben sich daran versucht in der Kunst. Und sind daran gescheitert. Wenn es um Liebe geht, dann geht es oft um Stereotypen, oder um Kitsch, manchmal auch um pubertäre Sorgen. Aber bis jetzt hat mich das Thema „Liebe“ in der Kunst nie besonders umgehauen.

Liebe. Wie das wohl wird? Beim Betreten der großen Bühne bin ich merklich und sehr positiv überrascht: Auf der Bühne gibt es schon mal keine Stereotypen. Sie besteht in ihrer reinen Form. Keine Requisiten. Kein Kitsch. Stattdessen Minimalismus. Und Klarheit. Klarheit, die sich auf allen Ebenen der Performance finden lässt.

Ähnlich klar und reflektiert begegnen mir nämlich auch – während der gesamten Performance – die zahlreichen Tänzer*innen von „Happyland“.

In einer facettenreichen Collage – zusammengesetzt aus zahlreichen Duo- und Soloszenen, aber auch kollektiven Choreographien – schaffen es alle Performer*innen, aufgrund ihrer sehr ausdrucksstarken Präsenz auf der Bühne, Bilder über das mannigfaltige Wesen von Liebe in meine Imagination hinein zu transportieren. Es geht um diverse Idealvorstellungen von Liebe, es geht um Erwartungen an und in eine(r) Beziehung, aber es geht auch um den Leistungsdruck, welchen jugendliche Menschen oftmals erfahren – es geht um den Druck, einem gewissen gesellschaftlichen Ideal zu entsprechen, damit man überhaupt eine Chance auf Akzeptanz und Liebe durch die anderen erhalten kann.

Natürlich sind all das Themenbereiche und Fragen, die mir schon im Vorhinein bekannt waren – und doch schafft es „Happyland“ meine gesamte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Mich mitzureißen. Warum eigentlich?

Nun … Rein visuell beeindruckt die Tanzperformance durch einen hohen Grad an Ästhetik. Es ist entzückend, angenehm, schlichtweg schön, diese ganzen filigranen Körper zu beobachten. Wie sie sich in ihren satten Herbsttönen, mit großem tänzerischen Können, durch den Raum bewegen. Zärtlich. Leise. Energiegeladen. Laut. Innig verschlungen. Umeinander. Ineinander. Ständig präsent. Egal ob auf der Bühne, oder im Off.

Was jedoch sogar die ästhetische Gestaltung dieses Stückes übertrifft, ist die Ehrlichkeit, mit der die Tanzenden den zuschauenden Körpern begegnen. Die Geschichten, die sie – sei es sprachlich, oder körperlich – zu erzählen versuchen, wirken authentisch. Es sind Jugendliche, die da tanzen – es ist eine jugendliche aufrichtige Perspektive von Liebe, die da getanzt wird.

Am Ende der Performance erzählen die Tänzer*innen von Handlungen, die sie – im Namen der Liebe! – für andere Personen getan haben. Und teilweise von ihnen enttäuscht wurden. Auch ich habe an diesem Abend eine solche Tat durchgeführt: Mich, aus Liebe zur Kunst, in diese Tanzauseinandersetzung zum Thema Liebe gesetzt. Wie gut, dass ich nicht enttäuscht, sondern geflasht wurde!


Foto: Dave Großmann