Hamlet: Wir sind Hamlet

Wenn ich ins Theater gehe, lasse ich mir gern etwas Neues erzählen. Und ich finde es gut, wenn ich nicht jedes Bild und jede Metapher sofort entschlüsseln kann; wenn ich das Gefühl habe, man nimmt mich als Zuschauer ernst und hat keine Angst, mich zu überfordern.

Gestern Abend haben wir kein Theaterstück im klassischen Sinne, viel mehr ein interdisziplinäres brain storming im Kosmos Hamlet gesehen. Als Stück hätte das alles auch gar nicht funktioniert, dazu wurde nicht genug auf die zahlreichen Zitate aus Literatur, Film und Kunstgeschichte eingegangen und die Spannungskurve hatte zu viele Täler. Auf assoziativer und ästhetischer Ebene wurde aber unheimlich viel transportiert. Ich habe die überschäumende Bilderflut genossen. Man hätte die Performance auch auf vier oder fünf Stunden ausweiten und den Text tatsächlich in Zyklen wiederholen können – Ansätze von Wiederholungen im Spiel und Sprache waren ja auch da. Tatsächlich war das Bühnenbild auch als Rauminstallation gedacht, in der das Publikum nach dem Stück umherwandern sollte, was leider den Rahmen gesprengt hätte und daher ausblieb.

Die Vierteilung des Publikumsraums und seine schiere Größe haben der Akustik leider eher geschadet und viel an Text ging verloren. In manchen Situationen wurde das sehr gut gelöst, wie in der “to die / to sleep / to sleep / per chance to dream”-Szene, in denen sich die Darsteller ins Publikum begaben und vereinzelt mit den Zuschauern gesprochen und interagiert haben. Das Handwerk hatten die Heidelberger zweifellos zur Verfügung: sinnliche, erotische Choreographien, große Präsenz, eindringlicher Blickkontakt mit dem Publikum sowie Stimmgewalt und Mut zur Körperlichkeit, die der große inhaltliche Schwerpunkt des Abends war (“Ich spüre, dass ich Fleisch und Knochen bin.”). Da gab es totes und lebendiges Fleisch nebeneinander, Wurst und nackte Körper neben ausgestopften Waldtieren. Der Mensch, ein Tier.

Nur um einige der meiner Meinung nach gelungenen Elemente der Inszenierung zu nennen: die musikalische Unterstützung durch zarten Acapella-Gesang; die Aufteilung der Texte einer Figur auf mehrere Darsteller verschiedenen Geschlechts; die Mischung aus Originaltext, Christopher Krieses Hamlet-Trilogie, Heiner Müllers “Hamletmaschine” und verschiedener Übersetzungstexte. Man merkte einfach, dass sich die Truppe mit der Thematik beschäftigt und auch drumherum gelesen und weitergedacht hat. Um manches Bild und um manchen Effekt hätte ich aber auch nicht getrauert, wenn sie gefehlt hätten, wie zum Beispiel den mit Tape an die Wand geklebten Hamlet oder die recht unmotiviert wirkende Video-Projektion. Ich finde: Der ernsthafte und auch ernstzunehmende Versuch einer Annäherung.

Foto: Dave Großmann