Hamlet:
In Schönheit gestorben

Die Worte haben nichts mehr zu sagen, sind, bleiben nur Hülle. Was bleibt, ist das Schweigen nach der ungeheuren Tat. Hamlet, dieser wirre, irrende, rachsüchtige und leidenschaftssuchende Prinz von Dänemark ist schon tot, als das Publikum den Saal betritt. Wir sind in der doppelten Fleischbeschau: die DarstellerInnen in Unterwäsche, sanft zur Musik wiegend, Ausstellungsobjekte in der angedeuteten Schlachterhalle. Die Familie und sich selbst gerichtet, die Intrigen ausgelöscht: Wir stehen mit Hamlet vor den nur fleischlichen Überresten. Was bleibt, in dem Schweigen, ist die fahle Erinnerung an einen zerrissenen Staat, in dessen berühmten Kern etwas faul sei. Der Staat ist ein gewaltiges Sammelsurium, in dem die Fleischer- und Kleiderhaken von der Decke hängen, der weiße Boden zugestellt ist mit Tischen, auf denen geschrieben wird, in denen Fleisch und Wurst durch den Wolf gedreht wird und Strick- und Häkelzeug herumliegt. Es wird videoprojiziert, die Fernseher stehen als Dreigespann, an den Seiten Tierpräparate und ein gewaltiges, live-gemaltes Kadaver-Gemälde.

Stark bilderhaft bearbeitet, geradezu beackert, kämpfen sich die Rampig-Darstellerinnen und Darsteller durch den Kosmos Hamlet. Zeitgenössische Textfragmente bilden einen Standbein, aber auch die Hamletmaschine und diverse Sekundärliteratur. Die postmoderne Verwirrung soll herausgeschält werden aus dieser Zwiebel des „hochbegabten Affen” , wie Hamlet sich hier selbst beschreibt. Wie er keinen Bock mehr hat, auf das Spiel, es durchschaut und dennoch mittut. Das Schweigen wird gefüllt mit der metaphorischen Körper- und Requisitensprache, der drapierten Figurinen, wie sie in Slow-Motion kämpfen und die Körper reiben und wie sie das leitmotivische Fleisch wieder und wiederkäuen. Sie wirken wie einer heiligen Messe entnommen. Das Stück als rituelle Beschwörung und Wiedergeburt des Vergessenen, verdrängten. Hier soll eine Kapelle des Erhabenen errichtet werden. Die Texte, wenn sie denn auftauchen, sind nebenher gesprochen, fallen aus dem Mund vor die Füße, was lapidar wirkt – sie sind gesprochener Text, nur Verweis auf das gesprochene Wort.

Lapidar wirkt auch die Problematisierung des Hamlet-Komplexes. Dieses Anrennen gegen eine Welt, die faul zu sein scheint, das Zerschellen an den unverrückbaren Zuständen, das seine Erlösung nur im Tode aller finden kann, wird hier verzeitgeistigt zum modern Verwirrten, der vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht. Dieser Zugriff ist ein legitimer, erklärt aber nicht die existenzielle Fallhöhe, die stofflich verhandelt wird. Wie soll so der Terrorist Hamlet entstehen, der Selbstmörder, der Rasende? Dem wird man nicht gerecht. Auch die Rolle der Ophelia, die laut Textfassung „die Frau als Opfer“ spielt, wirkt zu schnell gedacht, zu hastig abgekanzelt. Wie viel Täter steckt nicht auch in ihr, wie viel mitbestimmend ist nicht auch sie an dem Lauf der Tragödie? So kommt es, dass leider gerade die gesprochenen Szenen, die textlichen, als die Schwächsten erscheinen. Zu unfokussiert und pauschal wirken sie – „ich scheiße auf deine Liebe, Ophelia, du Opfer“, das könnte, müsste ein zentraler Satz sein. Hamlets Abwendung von Ophelia, die er will und doch nicht kann, ist hier nur beiläufige Tirade.

Kontrastierend dazu die Maschinerie von Bildern und Stimmungen, die klar gesetzt, symbolisch hoch aufgeladen daherkommen. Die Tiere im Schnee, das Fast-Fallen von der Tischkante, immer wieder die Momente des Körper-Chores. Doch auch hier das schale Gefühl: Eine Form wurde zu stark ästhetisiert, formschön gehalten und damit entkernt. Diesen Kern aber, den faulen, nach dem hätte ich suchen wollen. Ob der im Hamlet liegt, dem Stück selbst, oder sonst wo. Etwas, um das die Produktion kreist; das ihr Auftrieb gibt und einen Sog auslöst. Ekstatische Ausbrüche wirken wie Disco-Tänze, die Schlägerei in Zeitlupe wie einem Musikvideo entnommen. Über allem liegt ein Glitzer, nicht nur auf den goldenen Schläppchen. Vieles wirkt wie fürs Foto gestellt. Das ist schade, weil die Brüche und das Zerrissene interessiert hätten, das unberechenbar Zerstörerische. Und weil die Darstellerinnen und Darsteller mehr versprechen in ihrem Spiel, weil da etwas zaghaft schillert, hoffentlich raus will, weil manchmal Bild und Spiel nahtlos zusammengeht, was wunderbar funktioniert: das verwundete Tier, das Spieler ist, unterm einem Geweih aus Tape, zusammengesunken. Doch so bleibt der Schlachthof trotz des Blutes, des Fleisches, nach der Schlachterei doch gereinigt, nahezu clean.

Foto: Dave Großmann