Hamlet:
Der Fleischwolf ist Programm

Zu Beginn grummelt ein gallerte-artiger Soundteppich. Die Schauspieler und Schauspielerinnen sind in Unterwäsche. Sie bewegen sich wie in Aspik. Strähnen aus ihrem Haar werden von nicht sichtbaren Fäden in die Luft gestreckt, als wären sie elektrostatisch aufgeladen. Das Publikum muss sich zwischen den Gestalten hindurchschlängeln, und in den vier Ecken des Raumes auf Hockern Platz nehmen. Alles ist unheimlich, ein mulmiges Gefühl macht sich breit. Die Leute sind gespannt.

Dann wird herumgekleckert. Die Hamlet-Inszenierung von RAMPIG versteht sich als Performance, die Bühne als ein Gesamtkunstwerk, das während des Stückes entsteht. Eine große Leinwand wird wie in Zeitlupe bemalt. Leute spritzen mit Wasser. Einer isst Knackwürste und spuckt sie wieder aus. Eine Figur dreht das ganze Stück über an einer kleinen Fleischwolf-Kurbel und unterbricht ab und zu das Schauspiel mit minimalistischem Gesang („da-da-da“). Eine andere Figur filmt mit der Handkamera ihr Gesicht, das Bild wird auf den weißen Boden geworfen.

Dazwischen gibt es postmoderne Sprech-Sequenzen. Alle vier Ecken der Bühne werden gleichzeitig angespielt. Die Schauspieler wenden ihr Gesicht mal da, mal dorthin. Man kann nicht alle Sätze richtig hören. Die Figuren aus „Hamlet“ sprechen durch alle Schauspieler hindurch. Nur ab und zu sind Sätze aus der Textvorlage wieder zu erkennen.

Kurzum: Der Fleischwolf ist Programm. Nichts ist in ganzen Stücken, die Inszenierung wird zu einer zähen Masse. Es gibt nicht einen, sondern unzählige rote Fäden. Die Symbolik des verhedderten „roten Fadens“ taucht mehrmals auf. Zum Beispiel in der Kette aus Knackwürsten, die jemand zerkaut. Oder in dem Knäuel aus roter Wolle, das eine Figur wie Menstruationsblut aus ihrem Höschen herauszieht.

Es soll ein Gefühl von Gleichzeitigkeit entstehen, offenbar sollen Konzepte von Raum, Zeit und Identität grundlegend infrage gestellt werden. Das passiert auch: Die Figuren entwickeln keine Identität, das Stück könnte drei Minuten oder drei Stunden dauern, und man würde lieber auf der Bühne umherwandeln, als in der Ecke sitzen zu müssen. Das alles passiert, aber es ist nicht sonderlich spannend. Eine Figur spricht davon, ob es möglich wäre, die „Postmoderne zu beenden“.

Außerdem werden ein paar Register gezogen, die zum provokativem Theater dazugehören: Figuren machen sich nass und bespritzen dabei das Publikum, Frauen werden auf den Boden geworfen, Leute schlagen sich selbst, man präsentiert blanke Brüste und ruft nach „Fotzen“.

Letztendlich kann ich aber nicht richtig folgen. Ich kann mich kaum auf die Sätze konzentrieren, und beobachte nur noch die Figuren, wie sie Würste essen oder an ihrer Unterwäsche zupfen.

Ich vermute, dass eine Menge Einzelheiten anspielungsreiche Bedeutungen haben. Aber die kenne ich nicht. So ist es sicherlich kein Zufall, dass im Regal an der Wand ausgestopfte Tiere stehen, von denen einige im Laufe des Stücks auf die Bühne getragen werden. Aber es fühlt sich beliebig an.

Während des Stücks hat sich eine Figur eine Frage gestellt, und zwar in bester postmoderner Manier: „Warum spreche ich hier überhaupt? Was sind das für Laute, die ich da erzeuge? …Verhallen sie im Nichts?“ Auch wenn es nicht für jeden gelten mag: Für mich sind sie im Nichts verhallt.

Das Stück endet damit, dass man mir ein ausgestopftes Reh vor die Füße stellt. Dann geht das Licht aus. Dem Applaus hört man an, dass sich die Leute wundern, dass das Stück an dieser Stelle vorbei ist.

Foto: Dave Großmann