Grundlose Grausamkeit

Caligula, Kaiser von Rom, leidet. Zu einem Remix von Vivaldis Vier Jahreszeiten tanzt er mit weit ausgreifenden Bewegungen, will den Mond fassen, die ganze Welt, sich selbst. Von Ansgar Riedißer.

Caligula will alles, was er nicht haben kann, das Unmögliche, dass die Menschen auf der Erde nicht mehr sterben, sondern glücklich sind. Er erinnert in seiner Egozentrik, seinem Idealismus und seinen Allmachtsfantasien an ein kleines Kind, minus die intuitive Klarheit eines Kindes. Für Caligula ist nichts klar, nichts einfach; er quält sich mit dem Willen, alles absolut zu beherrschen. Ohnehin geht es in diesem Stück offenbar nur darum: Was Caligula will. Darüber rätseln seine Untergebenen wie der treu ergebene ehemalige Sklave Helikon, seine Geliebte Caesonia, Patrizier seines Hofstaates. Vor allem aber rätselt er selbst. Und in der Folge auch ich als Zuschauer. Klar wird mir seine Motivation, der Auslöser für diesen Allmachtsanspruch nicht. Caesonia fragt ihn an einer Stelle, was er denn mehr wolle als das ganze Leben, das vor ihm liege. Er antwortet, das wisse er nicht.

Die Handlungen jedenfalls, die daraus folgen, sind durchweg grausam. Er ordnet an, alle Patrizier in willkürlicher Reihenfolge umzubringen, nachdem sie ein Testament zu Gunsten des Staates verfasst haben. Er tötet anscheinend wahllos Familienmitglieder von Personen seines Hofstaats – und fordert dann von ihnen, dass sie ihn umso mehr lieben oder über seine Erzählungen dieser Grausamkeiten lachen sollen. Die Untergebenen nehmen verschiedene Positionen ein: Völlige Unterwerfung, die durch animalisch anmutende Bewegungen dargestellt wird bei Helikon und Caesonia, heimlicher Widerstand in einem Mordkomplott bei den anderen Figuren.

In fast jeder Szene quält Caligula jemanden auf die eine oder andere Weise. Er beginnt immer mehr, Mittel des Theaters einzusetzen und inszeniert sich selbst als Venus, die Göttin des Schmerzes und des Tanzes und lässt sich anbeten. Er zwingt seine Untertanen, ihm beim Tanzen zuzujubeln. Hier hat die Inszenierung kurze ironische Momente, etwa wenn Caligula über seine Untertanen sagt, ihr Fehler sei, dass sie nicht genug an die Kraft des Theaters glauben.

Dargestellt wird die Handlung durch die Jungen Prinzess*innen 15+ aus Bochum mit beeindruckender schauspielerischer Präzision. Besonders die expressiven Tanzszenen des Hauptdarstellers fangen die Zerrissenheit Caligulas mühelos ein. Die Kostüme sind zeitlos, aber wirkungsvoll: Caligulas roter Mantel über seinem nackten Oberkörper symbolisiert die Macht und die Dominanz seines Amtes, die erhebend oder als schwere Bürde wirken kann. Ohnehin finden sich in Requisite und Bühnenbild zahlreiche schlichte, aber sehr kluge Metaphern. Die Macht, die Helikon als Vertrautem Caligulas verliehen ist, zeigt sich in Form eines schwarzen Spazierstocks, der wie ein Schwert wirken kann. Als Helikon sich das gebogene Ende um den Hals legt, wird in einem einzelnen Bild klar, dass diese Macht und die Grausamkeit, die er dadurch ausüben muss, ihn auch existenziell bedroht.

 

Figuren ohne Motivation

 

Im Bühnenbild wird Caligulas Einsamkeit deutlich, wenn er die meiste Zeit allein in einem erleuchteten Viereck verbringt, während seine Untergebenen am Rand entlang tigern. Ganz profan ergibt sich allerdings bei der Bühnensituation, wenn das Publikum zu allen vier Seiten in Form einer Arena sitzt, das Problem, dass manche Passagen akustisch unverständlich werden, besonders, wenn Caligula in seinen Wutausbrüchen schreit.

Warum mich das Stück trotzdem kalt lässt, in der zweiten Hälfte sogar zäh anmutet, sind die völlig abstrakten Figuren. Motivationen, emotionale Identifikationsmöglichkeiten bleiben mir verwehrt. Am schwersten wiegt dabei, dass die Hauptfigur, Caligula, um die sich alles gruppiert, im Kern leer bleibt. Woher kommt dieser extreme Wille, auf das Gefüge der Realität selbst einzuwirken? Kurz wird zu Anfang angedeutet, dass Caligulas Schwester und Geliebte gestorben sei und er um sie trauere. Ob und wenn ja: wie all das als Motivation für seine Taten dient, wird mir nicht klar.

Auch in der Form bleibe ich ratlos: Warum braucht es zur Illustration von Caligulas Willkür derart viele Szenen, die nur zeigen, dass Caligula grundlos grausam ist? Etwa die Szene, in der er anordnet, alle Patrizier umbringen zu lassen; die Szene, in der er eine Bordellpflicht einführt; die Szene, in der Helikon und Caesonia die beiden Patrizier vergewaltigen und so weiter.

Der Kern des Stücks wird mir nicht klar. Vielleicht geht es auch bloß um eine Leerstelle, weil es, wie Caligula selbst sagt, sinnlos sei, auf Erden zu sein. Er erklärt, das wolle er seine Untergebenen lehren. Das, aber auch nur das, mir als Zuschauer zu lehren, reicht mir nicht ganz für einen vollends gelungenen und nachhaltig bewegenden Theaterabend.