Looking for Parzival:
Glück in Großbuchstaben

Ein bunter Pullover, Chuck Norris und die große Suche nach dem Glück

Die Frage ist doch: Was bewegt eine ganze Schulklasse, sich gemeinsam auf die Bühne zu stellen? Und dann handelt es sich bei dem Stück auch noch um ein Epos aus dem Mittelalter. Tatsächlich beschäftigt sich Looking for Parzival aber mit Themen, die die Schauspieler der 9. Klasse aus Greifswald selbst interessieren. Es geht um nichts weniger als um das Erwachsenwerden, Freiheit und nicht zuletzt um diese seltsame Sache, die Glück genannt wird.

Parzivals Plan auf der Suche nach dem Glück ist bekannt: nichts wie weg hier. Raus aus dem Wald, weg von der behütenden Mutter, raus in die Welt. Dass es sich bei Parzivals Wunsch auch um die Sehnsüchte der Schauspieler handelt, wird am Ende des Stückes in einem Video aufgegriffen. Von der Mutter mit Taschentüchern und einem Fahrradhelm ausgestattet, zieht Parzival aber erst einmal aus, um Ritter zu werden. Natürlich muss er dabei Abenteuer bestehen und wird am Ende auch diesen Scheißpullover los, den seine Mutter ihm beim Abschied als Rittergewand angedreht hat.

Looking for Parzival stellt den mittelhochdeutschen Versroman mit 30 Schülern dar, was einige Schwierigkeiten mit sich bringt. Um möglichst viele Hauptrollen zu besetzen, wechseln die Spieler jeweils nach ein paar Szenen. Theaterpädagogisch macht das durchaus Sinn, es ist eine schöne Idee die Hauptrollen auf möglichst viele Spieler zu verteilen. Der Rollenwechsel stiftet jedoch auch Verwirrung und führt zu Brüchen im Stück, da er teils auf und teils hinter der Bühne vorgenommen wurde.

Interessant wird es für den Zuschauer immer dann, wenn er merkt, dass die Schauspieler sich selbst an der Dialoggestaltung beteiligt haben: Parzival beschäftigt daher nicht nur die philosophische Suche nach dem heiligen Gral, sondern auch wann Chuck Norris geboren wurde oder seit wann es eigentlich Gürteltiere gibt. Und die Ritter, die Parzival auf seinem Weg trifft, locken nicht nur mit Freiheit, sondern auch mit Pringles und Cola.

Dieser Versuch, das Heldenepos in die heutige Zeit zu transportieren, gelingt am besten zu Beginn des Stückes, wenn Parzivals Vater Gahmuret nach der Schlacht, in der er gefallen ist, von einer Sportreporterin zum Interview gebeten wird und in bestem Fußballjargon antwortet. Das Spiel steigert sich immer weiter, bis Parzival sich, als er endlich am Hof von Lady Artus ankommt, in einem modernen Bewerbungsgespräch wieder findet. Der anschließende Ritterschlag durch eine Schokoladentafel geschieht dann natürlich auch auf einer Preisverleihung, sponsored by Ritter Sport.

Das Stück schließt mit einer Videobotschaft zum Thema Glück, das Wort leuchtet einem in Großbuchstaben von der Leinwand entgegen. Die unausweichliche Frage, was das eigentlich ist, das Glück, wird von den Jugendlichen dann aber so charmant beantwortet, dass es einem am Ende egal ist, dass hier nur noch einmal gezeigt wird, was der Zuschauer ohnehin schon verstanden hat: Glück ist subjektiv und jeder hat seinen eigenen Weg im Leben, auch wenn er ihn erst finden muss. Hier schließt sich auch der Kreis: von Parzival und seinen Abenteuern hin zum Wunsch der Jugendlichen nach Work & Travel in Amerika. Der Titel Looking for Parzival lässt einen also nicht ohne Grund an David Hasselhoffs Suche nach der Freiheit denken. Und jetzt alle gemeinsam: I’ve been looking for freedom…

Foto: Dave Großmann