Essay: Hierarchie, Gleichheit und Theater

Theater schreibt sich gern das Empowerment benachteiligter Gruppen auf die Fahnen oder kritisiert Ungleichheit. Damit erhebt es einen egalitärer Anspruch. Allerdings weist das Theater selbst hierarchische Strukturen auf, die dem Anspruch auf Gleichheit im Weg zu stehen scheinen. Philipp fragt sich: Kann dieser Widerspruch aufgelöst werden?

Wenn wir ins Theater gehen, unterwerfen wir uns in gewisser Weise. Während der Aufführung verpflichten wir uns stillschweigend, sie entweder zu genießen oder über uns ergehen zu lassen, in beiden Fällen aber passiv zu bleiben. Vor und nach der Vorstellung sind wir hingegen in der aktiven Position, können auswählen und bewerten. Ob nach fairen Maßstäben oder nicht, bleibt uns überlassen. Dabei dominiert immer die eine oder andere Seite, echte Gleichberechtigung scheint ausgeschlossen. Auch innerhalb des Theater gibt es straffe Hierarchien. Wer kennt nicht die Anekdoten über herrschsüchtige Intendant*innen, sadistische Regisseur*innen, cholerische Bühnenbildner*innen?

Das Theater in der Rolle des Hofnarren

Eine weitere Dimension von Hierarchie entsteht aus der Abhängigkeit der meisten Theater von öffentlichen Zuwendungen. Diese schirmen das Theater zwar teilweise vor ökonomischen Sachzwängen ab, sorgen aber auch dafür, dass das Theater einseitig auf die Politik angewiesen ist – das Theater, von dem auch erwartet wird, politische Entwicklungen kritisch zu reflektieren. Zwar ist die Politik in Deutschland intelligent genug, ihren Einfluss nicht zu offensichtlich einzusetzen. Es werden keine Stücke zensiert oder besonders „gefällige“ Inszenierungen erzwungen. Und tatsächlich wird in deutschen Theatern ja intensiv Kritik an allen möglichen Missständen geübt. Diese wird nicht unterdrückt, aber auf sehr subtile Weise entschärft. Das Theater spielt nicht die Rolle eines Agitators, der im Interesse der Mächtigen zu lenken wäre, sondern eher die eines Hofnarren. Der hat zwar die Aufgabe, die Mächtigen zu kritisieren und zu verspotten. Genau deswegen nimmt ihn aber auch keiner ganz ernst. So führt das Theater den Mächtigen wieder und wieder ihre Fehler vor und zeigt Möglichkeiten, wie es anders sein könnte – stellvertretend, so könnte man hinzufügen, für eine Gesellschaft, die sich nicht ändert und auch nicht ändern will. Die Fähigkeit, Kritik zu üben, bleibt so ein Privileg, das die Mächtigen großzügig gewähren – wodurch, aller Kritik zum Trotz, Hierarchie nicht abgebaut, sondern zementiert wird.

Gleichheit kann nicht von oben nach unten „gegeben“ werden

Aus dieser hierarchischen Ausgangslage kann nur schwer Gleichheit entstehen. Denn eine Gleichheit, die von oben nach unten „gegeben“ wird, also ebenso wieder von oben genommen werden kann, setzt eine Ungleichheit zwischen Gebenden und Nehmenden voraus, die dem Konzept der Gleichheit widerspricht. Echte Gleichheit kann nur entstehen, wo Menschen einander aus freien Stücken als Gleiche anerkennen und behandeln, wo Geben und Nehmen ausgeglichen sind. Wenn das stimmt: Wie könnte ein alternatives Ideal aussehen? Wie lässt sich Gleichheit in das Theater einbauen?

Theater als Koopetition

Eine Möglichkeit wäre es, Theater als heterarchische Koopetition zu verstehen: als gleichberechtigtes Ver- und Aushandeln der jeweils thematisierten Motive, Geschichten, Herausforderungen oder Missstände. Dabei begegnen alle beteiligten Gruppen – die Theaterschaffenden, das Publikum, die professionellen Beobachter*innen und die im Hintergrund agierenden Funktionär*innen – einander auf Augenhöhe. Sie betrachten das Schaffen beziehungsweise Ermöglichen von Theater im weitesten Sinn als gemeinsame gestalterische Aufgabe. „Koopetitiv“ ist es, weil es die nützlichen Elemente des Wettbewerbs beibehält, sie aber in Kombination mit Kooperation zwischen den Gruppen so einsetzt, dass Gleichheit statt Hierarchie entsteht. Zwar bleibt die Konkurrenz zwischen „gutem und schlechtem“ Theater erhalten, weil es real nicht möglich ist, jede Idee gleichermaßen zu verwirklichen und zu beachten. Doch die Konflikte zwischen den verschiedenen Gruppen fallen weg und werden durch ein kooperatives Hinarbeiten auf den gemeinsamen Zweck „gutes Theater“ ersetzt. Was das im Einzelnen bedeutet, ist Gegenstand des genannten gemeinsamen Ver- und Aushandelns. Dazu vier konkrete Vorschläge, die sich auf die genannten Dimensionen von Hierarchie beziehen:

(1) Theater werden als Heterarchien betrachtet. Alle Beteiligten tragen gleichberechtigt zu dem Produkt „Theater“ bei. Führung ist kein Privileg, sondern eine Dienstleistung. Geführt wird durch Überzeugung, nicht über Sanktionen bzw. deren Androhung. Konkurrierende Ideen werden auf Basis vernünftiger Entscheidungen statt Macht selektiert.

(2) Weil das Theater seine Wirkung nur entfalten kann, wenn es offen und mit entsprechendem Vorwissen rezipiert wird, wird das Publikum als „Mitproduzent“ angesehen. Dementsprechend stellen sich alle anderen Gruppen in den Dienst des Publikums, nach dem Motto: Am Ende des Tages sind wir alle Zuschauer*innen, und ohne Zuschauer*innen sind wir alle nichts. Die Kritik sieht eine verständnisorientierte Einordnung des Theaters als ihre Hauptaufgabe, die Bewertung nur als untergeordneten Teil davon.

(3) Das Theater ist so weit wie möglich unabhängig von der Politik. Die Finanzierung sollte als Mix aus Verkaufserlösen, Spenden, Sponsoring und Mäzenatentum gedacht werden, um den grundsätzlich gleichberechtigten Einfluss der Anspruchsgruppen sicherzustellen. Wer Subventionen beibehalten will, muss erklären können, wie die Hierarchie anders als auf dem vorgeschlagenen Weg neutralisiert werden kann – wie das Theater sich aus der Rolle als Hofnarr emanzipieren kann.

(4) Der geteilte Zweck „gutes Theater“ ermöglicht „natürliche“ Hierarchien, etwa zwischen guten und schlechten Schauspieler*innen, besseren und schlechteren Regisseur*innen und so weiter, die aber nur im Hinblick auf die Verwirklichung des gemeinsamen Zwecks legitim sind.

Die Wirklichkeit ist komplizierter als das

Ein Problem bleibt: Wer sich – wie ich – so theoretisch und aus der Distanz über irgendeine Praxis äußert, setzt sich dem Vorwurf aus, das Komplexitätsgefälle von Theorie und Praxis zu ignorieren, das heißt: zwar fromme Wünsche, aber keine Ahnung zu haben. In vielen Fällen sind solche Einwände berechtigt. Dementsprechend sollen die hier geäußerten Ansprüche in mehrfacher Hinsicht eingeschränkt werden:

(i) Sie sollen nicht als individueller Appell an alle verstanden werden, die irgendwie mit Theater zu tun haben – denn als solcher würde er wirkungslos verhallen – sondern primär als Aufforderung an diejenigen, die die Rahmenbedingungen des Theaters prägen wollen und können: nach heutigem Stand vor allem Kulturpolitiker*innen.

(ii) Die erhobenen Vorwürfe haben nicht überall gleiche Geltung. Es gibt durchaus viele Theatermacher*innen, Kritiker*innen, Politiker*innen und so weiter, die ihren Aufgaben viel besser gerecht werden, als hier idealtypisch und aus didaktischen Gründen behauptet wurde.

(iii) Ob sich ein solches koopetitives Theater in der Realität etablieren kann, hängt nicht hauptsächlich von individuellem Problembewusstsein und Motivation ab, sondern von den Fähigkeiten und institutionellen Arrangements, die eine solche Entwicklung verhindern oder begünstigen. Insbesondere ist entscheidend, ob sich das skizzierte Verständnis von Theater innerhalb der genannten Gruppen verbreiten und eine entsprechende „Kultur“ entstehen kann.

Grundsätzlich müssen wir jedoch nicht auf die große, alles umkrempelnde Reform warten, bevor wir unsere Sichtweise ändern. Es kann schon ein großer Gewinn sein, wenn wir individuell unsere Einstellung zum Theater zu überdenken und es entsprechend in neuem Licht zu sehen: ob als Zuschauer*in, Kritiker*in, Theaterschaffende*r oder Funktionär*in.

Begriffserklärungen

Ko-opetition: Kofferwort aus Kompetition (Wettbewerb) und Kooperation (Zusammenarbeit): eine wettbewerbliche Zusammenarbeit. Beispiele: Sport, Forschung, Parteien.

Hierarchie: Rangordnung zwischen Menschen, wobei es über- und untergeordnete Individuen gibt.

Heterarchie: Gegenkonzept zur Hierarchie. Hier begegnen die Individuen einander gleichberechtigt auf Augenhöhe.

Egalitarismus: Gesellschaften, deren Mitglieder etwa in materieller, sozialer oder politischer Hinsicht gleich sind, werden als egalitär bezeichnet. Die Weltanschauuung, die solche Gesellschaften als wünschenswert ansieht, ist der Egalitarismus.