girls! girls! girls!:
Phylicia tanzt und schaut
Lena in die Augen

Phylicia tanzt sich in die Katharsis. Mit einem Lächeln fliegt sie zu Boden, glücklich. Zuvor schmeißt sie den Körper hin und her, stampft mit den Füßen, schwitzt, verzieht ihr Gesicht an der Grenze zum Schmerz. Der Fokus ist während dieser gesamten Zeit auf sie gesetzt, das Publikum kann nicht anders als gebannt zu starren, die anderen Mädchen sind – mit einer Ausnahme – hinter der Bühne. Es ist der Höhepunkt eines ansonsten recht gewöhnlichen Stücks, das alles gewesen ist – nur nicht mutig.

“girls! girls! girls!” lebte nicht nur von den titelgebenden Mädchen, sondern auch von der ungezwungenen Offenheit, mit der diese ihre Freuden und Ängste zeigten. Es waren oftmals überspitzte Darstellungen und Bilder, die von ihnen selbst kommen und nicht vom Regisseur, ehrliche Wahrnehmungen ihrer eigenen Existenzen, oftmals übermütig inszeniert, oft aber auch einfach nur direkt. Es scheint ein organischer Prozess gewesen zu sein: Casting, Akklimatisierung, Auseinandersetzung, Überlegungen, Diskussionen, Bühne dunkel, Vorhang, Licht.

Es gehört aber nicht viel Mut dazu, sexy auf der Bühne zu sein (was sie waren!), es gehört auch nicht viel Mut dazu, auf der Bühne zu rauchen und zu trinken (was sie taten). Mut braucht es, den gesamten Fokus auf sich zu ziehen, zu tanzen, daran zu zerbrechen. Viele schöne Ideen gingen unter, weil so viel gleichzeitig passierte: Dort spielt jemand mit einer Bierdose, dort wird gecatcht, auf der anderen Seite spielen zwei einander an den Hälsen herum, in der Mitte wird ein Bein beschriftet, im Hintergrund läuft Popmusik und ein Mädchen, das irgendwie nicht zu der Gruppe zu gehören scheint, singt playback. Viel ist auch irgendwann genug.

Besonders ärgerlich: Der Versuch, Individualität zu zeigen, wird deutlich, das Zeigen wird jedoch unterlassen. Immer wieder läuft ein Mädchen an den Rand der Bühne und schreibt auf ein Stück Papier ihren Namen, das Alter, die Größe, das Gewicht und den Wunschberuf. Doch eine Auseinandersetzung damit fällt flach, weil schon wieder irgendjemand irgendwen schubst – und weiter geht’s, Collagen bauen. Vielleicht wollte die Gruppe auch einfach nur dem Namen die Treue halten: „girls! girls! girls!“ und nicht „girl! girl! girl!“

Wenn das Stück dann nach etwa vierzig Minuten Pause macht und die Mädels in weißen Kleidern umherlaufen, Posen einnehmen, still stehen, dann nimmt das zwar ein bisschen Schwung und Energie, was dringend nötig war nach dem ganzen Herumgerenne – aber doch bitte nicht so langweilig und so unfassbar frei von jeglicher Spannung.

Und damit wären wir wieder bei Phylicia. Denn der beste und spannendste Moment des gesamten Stückes war weder der Tanz (nah dran!) noch das glückliche Zu-Boden-Fallen (sehr nah dran!) noch die Geburt eines neuen Lebens, wo der Schmerzens-Schrei fast schon in einen Baby-Schrei mündet (okay, aber ein wenig zu plakativ). Nein, es war der Augenblick, an dem ein anderes Mädchen, Lena, die Bühne betritt und sie und Phylicia sich dann eine gefühlte Ewigkeit in die Augen schauen (Treffer!). Diese zweideutige, unausgesprochene Tiefe – die gab es viel zu selten.

(Darüber, ob das nun irgendwelche Ausdrücke von Emanzipation waren, ob das Stück die Handschrift eines männlichen Regisseurs trug, darüber, ob die Figur von Joana, die aus der Gruppe zu fallen schien, ausreichend thematisiert wurde oder ob sie einfach witzig anzusehen war dort oben beim Singen und etwas unbeholfenen Tanzen – darüber möchte ich hier jetzt nicht schreiben. Ich bin ja nicht verrückt.)

Foto: Jan Stroetmann