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Mama ist die Beste

Mädchen von heute sind im Zwiespalt zwischen den Möglichkeiten, die ihnen die vorherigen Generationen erkämpft haben, und dem traditionellen Bild ihrer Rolle, das die Gesellschaft immer noch vertritt. Sie stehen irgendwo zwischen Karrierefrau und Sexsymbol, zwischen intellektueller und hausmütterlicher Herausforderung.

Die neun Spielerinnen des jungen Schauspiel Hannover durchtanzen in ihren Vorstellungen einen Parcours aus Sport, Schönheit und Sex, aus (gleichgeschlechtlicher) Zärtlichkeit, Wettkampf und Gruppengefühl, der sich zwischen beinahe abstoßend (Machen Mädchen so was wirklich?) und anrührend einpendelt.

In bunten Kleidern und barfuß erkunden sie im ersten Teil vor allem die Gruppe und ihre Position darin; es ist der aufregende, der energetischere Teil der Produktion, bei dem viel gleichzeitig passiert und man schnell den Überblick verliert. Innerhalb der Gruppe bilden sich Zweier- und Dreiergruppen und der Zuschauer kann die Komplexität der Beziehungen, die da von kindlichen Erwachsenen geknüpft und ausgelebt werden, beobachten – etwa wenn eine der jungen Frauen im wahrsten Sinne des Wortes hin- und hergerissen wird von zwei anderen; ein sehr naturalistischer Vorgang in der Lebenswelt pubertierender Mädchen.
Sie nähern sich einander und dem Zuschauer an, sie entfernen sich von ihm, wenn sie Dinge auf der Bühne tun, die ihn zum Voyeur machen. Dabei machen sie aber nie sich selbst zum Objekt, sondern viel eher den Zuschauer, der sich der Bildwucht und unangenehmen Gefühlen nicht entziehen kann und das wahrscheinlich auch gar nicht richtig will.

Im zweiten Teil ist der mädchenhaft spaßige Konkurrenzkampf vorbei, in der Frauenwelt gehört plötzlich auch die ehemals Gemobbte irgendwie dazu. Die Mädchen probieren sich mit offenen Haaren, weißen Unterkleidern und hohen Schuhen in erprobten sexy Positionen aus, laufen sie immer wieder ab und werden darin immer ruheloser. Diese Szene dauert irgendwie zu lang, auch wenn die Durchgänge immer wieder variieren.

Wenn es nicht mehr um Körperbild und Konkurrenz gehen kann, müssen Rollenbilder her. Zuerst eben jene Vampschablone, dann geht es weiter über das Ideal der Unbeflecktheit, das trotz aller Emanzipation immer noch über dem Frauenbild schwebt (nicht umsonst gibt es das Schimpfwort „Schlampe“, aber kein männliches Äquivalent). Zuletzt werden Schilder mit Namen großer Frauen von Mama bis Pina Bausch, die nun doch vorkommen muss im Tanztheater, ins Spiel gebracht, zuerst brav zugeteilt, später ist es dann ein Kampf um die eigene Person und das (geistige) Selbstbild, indem jede Tänzerin Rollen beliebig wechseln und präsentieren kann, vollkommen frei und egoistisch.

Seltsamerweise wird das Thema Männlichkeit nur angeschnitten und da eher isoliert betrachtet, weil sich alle Mädchen – bis auf zwei, die gleichzeitig mit einander herumbalgen – gleichzeitig als Männer verkleiden und deshalb eine Interaktion mit dem anderen Geschlecht nicht möglich wird.
Wahrscheinlich hätte die Inszenierung das gar nicht gebraucht, weil die Mädchen sich selbst erfahren und dazu kein Außen brauchen (anders als bei der Eröffnung ausgesprochen: „Der Mann setzt sich als Subjekt selbst und die Frau bekommt ihre Rolle als Objekt zugewiesen“).

Die Mädchen beeindrucken mit Natürlichkeit im Umgang mit dem eigenen Körper, sie zeigen, dass Mädchen heute eigentlich noch dieselben Probleme haben wie früher, obwohl es heute weibliche Bundeskanzler, Kirchenvorsitzende (a.D.) und Wachtmeister gibt.
Jetzt muss man nur noch entscheiden, ob das beunruhigend ist oder nicht.