Gier und Erfolg.
Einige
Allgemeinplätze.

Büchersterben, Zeitungssterben, Waldsterben – wir lassen uns nicht beeindrucken. Wir sind junge Literatur. Wir schreiben weiter. Doch wohin geht es mit dem Schreiben? Beschauung und Besitzung postmoderner Allgemeinplätze.


Wie ein Schimmel, den man eigentlich abkratzen sollte, nur kriegt man den nicht ab, der gedeiht auf Werken. Es geht darum, die Pose des Kritikers einzunehmen, die des Durchschnittslesers vielleicht (und warum nicht), die eines Verlegers am Ende, des Verkäufers oder Kulturmanagers. Anspruch, Bedeutung, Verkäuflichkeit. Das ist für alle da, die nicht nur für den Markt, die Kritik oder die Schublade (die Ewigkeit?) wirken.

Der Schimmel mag gedeihen, wenn nicht alle drei Posen Begeisterung ausdrücken. Ist das der Sinn – Begeisterung? Und wen begeistern, alle, die irgendwie lesen, nur Intellektuelle – oder finanzkräftige Kulturfunktionäre, vielleicht auch die Dichterkreise der Trötheims und Bad-Asspergs dieser Welt? Könnte man eines Tages damit leben, verlegt, verkauft, gelobt – nur nicht gelesen zu werden? Wohin will das Schreiben?

  • Kommerz?
  • Anerkennung durch Eliten (Kritik, Intellektuelle, Kolleg*innen)?
  • eine krasse Debatte entbrennen, anheizen, beeinflussen?
  • Seelenhygiene, Selbstverwirklichung, Selbsterkenntnis?
  • sich ein Denkmal setzen, eine Selbtvergewisserung der eigenen Existenz?
  • Liebe? Des Publikums, der genannten Eliten, der reichgewordenen Verleger? Eine besonders hitzig brennende Anerkennung ohne Grenzen?

„Das Publikum, das für Rainald Goetz Interesse heuchelt und bei Julia Engelmann Rührung empfindet“ – ist es das? Wer kann diese Liebe ertragen? Nur wo ist sie, die Alternative, wo ist sie hin? Schreiben ist doch so schön, es ist eine geschützte Tätigkeit, geistig, schöpferisch, sozialverträglich, biologisch abbaubar. Wohin führt es? Nur das Geld und die ordnungsgemäße Respektsbekundungen für die Kritiker*innen- und Kulturmanagementslieblinge – dahin? „Ich sehe das Publikum – und ich sehe, was es hieße, ihnen zu gefallen“ – bleibt es dabei?

Die handgeschriebene Seite ist fast voll, ich setze kleinere Buchstaben. Ich bin im Flow, der Arm schmerzt, ich lüge, ist es das schon, wenn ich wie jetzt das Gefühl habe, nicht die ganze Welt sagen zu können? Es geht weiter, voran, es geht immer voran, nur wohin, was kommt danach, haben wir ein Ziel, ist nicht alles nur Zeitvertreib im Erwarten des Todes?

Und ist es nicht nur bockig, allzu bockig, dieses Armeverschränken hin zum Publikum? Wozu bräuchten wir es? Kann das sein, immer besser lernen, intellektuell das Eintreten des einen und das Ausbleiben des anderen zu erfassen und doch immer unsicherer und unsicherer werden, was da direkt vor der eigenen Nase liegt und das eigene Anliegen angeht, kann das sein? Wenn es für alles und ganz besonders für literarische Texte – ob gut, schlecht, literarisch, kommerziell, originell, epigonisch – stets ein großes Für und Wider gibt, wie könnte ich eines Tages rausgehen und sagen: Das da ist jetzt toll.“Es ist die Natur des Diskurses, das oft keine Einigkeit erzielt wird“ – ja geilomat! Unhinterfragt steht dieser Grundsatz am Anfang jedes Diskurses, dass verschiedene Meinungen und Sichtweisen zulässig sind, sonst wäre ein Diskurs ja sinnlos, oder was? Da steht er also, der Grundsatz, unhinterfragt rum steht er, und sagt: Ohne mich gibt es ja keinen Diskurs! Doch es muss zumindest die Frage gestellt werden, welche Auswirkung dieser Grundsatz, der den Diskurs erst zu ermöglichen scheint, auf den Diskurs, seinen Verlauf und vor allem sein Ergebnis hat. „Es muss ja keine perfekte Lösung rauskommen“ – aber auch sonst nichts? So bleibt der Diskurs Werbefläche für intellektuelle Qualität, Botschaften und spontan-zufällig passierende Gedankenaustäusche, nihilistische Selbstinszenierung, komplett nonsensiger absurder Wulst, peng.

Es fehlt nämlich schon lange (immer?) die Institution, vor der jemand Recht oder Unrecht hat und sich verantworten muss. Gott? Die reine Vernunft? Der gesunde Menschenverstand? Die Bildzeitung? Die Bildzeitungsleser? So richtig akzeptiert ist keiner. Und am liebsten akzeptiert man noch sich selber. „Das ist gut“ – mit welchem Recht kann ich das von irgendetwas behaupten, mit welcher Referenz als mir selber? Unter gewissen Gesichtspunkten ist das da jetzt weniger schlecht als alles andere – kann ich vielleicht noch sagen. Es gibt keine Wahrheit als die der Mathematik und der Naturwissenschaft – kann ich auch sagen. Was sich sagen lässt, lässt sich klar sagen. Es gibt keine Hinweise auf Gut und Böse.

Gott ist tot. Postmoderner Allgemeinplatz, da schau her, da setz dich hin, ich leg ein Kissen drauf, auf dass dein Arsch sich nicht verkühle. Gott, wir wissen das, ewig schon. Und jetzt? Vielleicht hätte die Menschheit bei Descartes anfangen können, Lösungen dafür zu finden. Aber der Philosoph hinter der Maske konstruierte lieber seinen Zirkelschluss-Gottesbeweis, und weitere Jahrhunderte (bis heute!) wurstelten sich die geistigen Eliten, der Mittelbau und überhaupt eine erdrückende Mehrheit der Menschen sich und allen anderen in die Rocktaschen lügend weiter durch. Es gibt Wahrheit! Es gibt Gott! Es gibt Sinn! –

Da stehen wir also, hunderttausend Philosophen, Dichter und Wahrheiten später, und können noch nicht einmal sagen, was gut oder schlecht IST und nicht nur so empfunden wird von irgendwem. Worauf bauen wir auch nur eine einzige Debatte? Wie könnte irgendeine Sprache gefunden werden, wie kann etwas Anderes stattfinden als Ignoranz, Verdrängung und die ewigwährende Umstrittenheit des Open-Mike und allem anderen? Seid politisch, seid originell, seid irgendwas! Da sitzen wir, wir, das Publikum, gebt uns was, wir sind hungrig! Ich stelle mein Wissen zur Schau, aber ich mache nichts daraus.  – und darauf folgt keine Schlussfolgerung. Keine klaren Aussagen, nicht mal eine sinnhafte Geschichte, füge ich dem noch hinzu, ja! Ist es nicht Hybris, mit Mitteln einer sinnlosen Welt (sinnlos geworden?) etwas Sinnhaftes erschaffen zu wollen? Vielleicht liegt hier der tote Gott begraben. Setze mit deinem Willen das Sinnhafte gegen das Sinnlose. „Euer Wille sage, er SEI der Sinn der Erde!“ Wenn wir die Lösung für Sinnfragen und ästhetische Antworten nicht aus der Welt, d.h. der Wissenschaft der Natur ableiten können, ist da nicht alles egal? Schaffe ES oder arbeite weiter mit entkernten Repräsentationen von Repräsentationen, die längst tot sind und das Ringen um Antwort längst aufgegeben haben?

Was wäre eigentlich, wenn uns die Kunst dazu zwingen könnte, sie zu lieben – unabhängig von historischen, philosophischen und zeitgeistigen Bezügen, Meinungen, Diskursen und purer Sympathie? Das, vielleicht nur das löste die ewige Getrenntheit, die Subjektivität, es wäre natürlich die Gleichschaltung des Geistes, Paradies, vor dem Sündenfall nach dem Sündenfall und Reanimation des toten Gottes. Am Anfang ist alles Spiel. Am Ende wird es ernst. Dann kommt es darauf an. Gibt es die Wirkung oder nicht? Bejubeln wir als „große Werke“ etwas Reales (Lacans?)  Mystisches (Wittgenstein?), etwas Tatsächliches – oder nur Symbol und Geste einer Geste von Liebe, Mitgefühl oder Bewunderung? Ist irgendetwas stabil, hart, ein Kern – oder nur ein zur Vorteilsnahme mitgespieltes todtrauriges Spiel? Wenn man die über der Welt liegenden Sprachschichten langsam abschält wie die Schalen einer Zwiebel, bleibt dann irgendein Kern außer dem nackten Überlebens- und Arterhaltungstrieb und in seinem Inneren – nichts? 

Das Betreten der Allgemeinplätze erfolgt im Winter auf eigene Gefahr.
Kein Räumdienst.