Geteilte Banane ist halbe Banane

Trockenschwimmen an Point Nemo: Farukh und Laura geben ihren Senf zu „Ganz nah“ vom Jugendclub Banda Agita vom GRIPS Theater Berlin ab – in Collagenform.

Wo war Barbara?

F: Nicht da. Oder irgendwie doch: Wir bewegen uns die ganze Zeit auf den Grundrissen ihrer Wohnung. Es wird Dubstep im Badezimmer getanzt und in der Küche Alligatoah gerappt. In Barbaras Wohnzimmer erfahren wir alles über ihre Masturbationsgewohnheiten. Oder zumindest, wie die beiden Herren in den roten Overalls sich diese vorstellen. Denn niemand kennt Barbara. Sie lebt allein. Gibt es sie dann überhaupt?

L: Sie ist so selbstverliebt, dass sie sich aus ihren eigenen Fußnägeln Traumfänger bastelt. Die ansonsten kontextlosen Barbara-Geschichten, die von zwei Schauspielern in roten Overalls im Dialog entwickelt wurden, haben das Publikum hörbar amüsiert. Aber was war ihre Funktion? Und warum haben Männer absurde Sexfantasien über sie? Das erklärt mir das Stück nicht. Es bleibt nur die Fiktion einer Frau, die keinerlei Privatsphäre in ihrem Haus ohne Türen hat, was aber nur harmlos-lustig wirkt. Durch ihre körperliche Abwesenheit ist Barbara den willkürlichen Fantasien der Schauspieler unterworfen.  Ganz schön creepy.

Vereinzelung

L: Das Ensemble ist bis auf zwei rote Arbeitsanzüge einheitlich in Jeans und weißes Oberteil gekleidet. Nur, wenn die Darsteller*innen aus der Gruppe heraustreten und ihr Hadern mit dem Ich in der Welt vorbringen, nehmen sie sich aus einem Regal neben der Bühne ein individuelles Kleidungsstück heraus und zeigen somit: Das macht mich einzigartig, dadurch grenze ich mich von euch ab.

F: Das Stück will das Spannungsfeld zwischen Einsamkeit und dem Wunsch nach Zugehörigkeit abbilden und verliert sich dabei selbst etwas aus den Augen. Klar, man kann sich auch  unter Menschen einsam fühlen oder sich selbst die beste Gesellschaft sein. Aber was steckt dahinter? Mutieren wir alle zu vereinzelten Barbaras, die sich insgeheim nach dem großen Gruppenkuscheln sehnen? Oder hat der Wunsch nach Privatsphäre etwa damit zu tun, dass soziale Medien sie immer mehr einschränken? Auch hier bleibt das Stück unbestimmt.

Die Sache mit den Badehosen

L: Das ist gut gelöst – wie ein Ensemblemitglied alleine auf der Bühne steht, sich fragt, was eine Intimzone intim macht, sich Badehose nach Badehose auszieht und man im Publikum merkt, wie man mit den eigenen Empfindungen dazu konfrontiert wird: Wie finde ich das jetzt, dass er gleich nackt ist? Oh nein! Ah, doch noch eine drunter. Aber jetzt vielleicht? Das wäre stark, aber … Puh, wie viele Hosen hat der denn übereinander? Ist das nicht voll eng?!

F: Scham ist nur ein Komplex, den es zu überwinden gilt. Was soll an einem Körper nicht richtig sein, der dem von knapp der halben Menschheit ähnelt? So einfach ist es dann doch nicht. Scham hat nicht nur mit dem eigenen Körper zu tun. Dass ihre Überwindung in Entblößung endet, die wiederum das Schamgefühl der Mitmenschen triggert, wurde im Stück leider nur kurz angedeutet, als die Bademeisterin ruft: „Es geht nicht um dich, es geht um die Comfort Zone der anderen!“

Wenn ich bei dir bin, fühle ich mich frei

L: Frei zu sein von Scham, sich in Zweisamkeit frei fühlen, im Alleinsein frei von Wertung sein – viele dieser Aspekte werden gut dargestellt. Auch, wie schnell Freiheit in Zwang und Einengung kippen kann: Wenn ich dir alles erzählen muss, damit wir frei sind, bin ich es dann noch?

F: Für ein sozial abhängiges Wesen ist die Definition von Freiheit sehr ambivalent. Bin ich allein, bin ich frei von Zwängen. Doch ist das schon Freiheit? Oder entsteht diese erst, wenn ich Menschen um mich herum habe, die mich kennen und akzeptieren, an die ich mich klammern kann und sie sich an mich, ohne dass man sich eingeschränkt fühlt.

I’M A CREEEEP

F: Am liebsten wäre ich du. Diese Aussage nimmt das Ensemble wörtlich und beginnt auf der Bühne um Identitäten zu feilschen. Dass auch die eigene Person ein Ziel von Neid oder Begehren sein kann, hat man da vor lauter Ich-Krise gar nicht mehr auf dem Schirm. Am Ende ist dann auch niemand zu einem Tauschgeschäft bereit. Lebt es sich mit sich selbst doch am besten?

L: Das sind Themen, mit denen man sich in der Pubertät abmüht, die aber im Erwachsenwerden zurücktreten. Das habe ich auch im Stück gemerkt: Irgendwie spiegeln die absurd großen Gesten – wie das windmühlenartige Rudern mit den Armen – wider, dass die Probleme jetzt nicht die Welt bedeuten, auch wenn sie vielleicht als krisenhaft erlebt werden. Dass es ein Theaterstück dazu gibt, ist aber gut. Da Fragen gestellt und keine Antworten gegeben werden, stellt sich ein Gefühl der Solidarität ein: Cool, ich habe auch manchmal das Gefühl, dass ich eine total bescheuerte Art zu gehen habe und ja, ich habe auch Haare am Penis. Ich finde, man hätte das noch weiterführen und zu Ende denken können.