“Gesundheit ist nicht ein Status, sondern immer ein Prozess”

Es war ein schweres Stück Arbeit, die Gründerin von Urban Dance Health zu fassen zu kriegen. Die ersten zwei Interviewtermine wurden aufgrund akuter Verletzungen von Ensemblemitgliedern verschoben. So stelle ich es mir vor, eine Superheldin zu interviewen: Mehrmals musste Sophiela aus dem Raum stürmen, um Ersthilfe zu leisten, oder Tänzer*innen mit Tape und Ratschlägen auszustatten.

Sophie Manuela Lindner, Künstler*innen Name Sophiela, ist ein sogenanntes Bgirl: Sie macht Breakdance. “Breaking nennen wir es eigentlich”, ergänzt sie, als ich Sophiela in der Maske treffe. In dem kleinen Raum steht zentral eine Massageliege, im Wandregal stapeln sich Tape-Rollen und kleine Schaumstoffbälle und -rollen. Hier können Tänzer*innen sich einem “Health Check-Up” unterziehen. Was das genau bedeutet und was Euch in eurem 30 minütigen Termin erwarten könnte, darüber haben wir mit Sophiela gesprochen. Zusammen mit ihrem Kollegen Jens Nonnenmann, aka Jenso, betreut sie das Angebot. Jenso war zum Zeitpunkt des Gesprächs leider nicht anwesend, umso mehr freuen wir uns aber, dass wir mit Sophiela sprechen konnten.

 

Du hast Urban Dance Health gegründet. Was macht ihr denn da genau?

Wir sind eine Organisation für die Gesundheit von urbanen Tänzer*innen. Hier auf dem Festival bieten wir ein Health Check-Up an. Das heißt, wir haben eine halbe Stunde Zeit mit dem*der Tänzer*in um ihn*sie zu beraten, um Assessments zu machen, zu schauen, wo sind Risiken oder Defizite. Woher kommt die Ursache für die Verletzung? Um dann entsprechend Übungen zur Selbsttherapie zu zeigen, oder auch zu therapieren. Wir haben unter anderem ein Mädel hier bei dem Festival gehabt, die hatte einen Unfall und kann deswegen gar nicht mehr auf der Bühne tanzen. Wir haben mit ihr einen Übungsplan erstellt, den sie täglich befolgt und am letzten Tag kommt sie wieder und dann schauen wir: Was braucht sie weiterhin? Gibt es Experten, zu denen sie gehen kann falls nötig, damit sie wieder zu 100 Prozent Gesundheit kommt?

Es gibt Osteopathie, Ergotherapie, Orthopädie – was will Physiotherapie?

Physiotherapie hat ganz viele Gesichter. Die Physis, also der Körper und die Therapie. Wir behandeln also vordergründig den Körper, was bei Tänzer*innen ganz wichtig ist, weil wir unseren Körper bewegen. Man darf aber nicht vergessen, dass auch die Psyche, der Geist, die Seele immer mit reinspielt. Was wir eigentlich hier machen, ist ganzheitliche Körpertherapie: Wir haben Behandlungstechniken aus der Interdisziplinären Faszientherapie [Faszien: Bindegewebe, das alle Muskeln zusammenhält]. Das ist ein Konzept, das Stress- und Faszientherapie beinhaltet. Wir haben Osteopathie dabei, vor allem die myofasciale, das ist wieder die Faszien betreffend. Und die Myoreflextherapie, die nicht nur den Körper anschaut, sondern von der traditionell chinesischen Medizin ausgeht und ganze Muskelketten behandelt. Denn wir bewegen nie nur einen Muskel, wie den Bizeps, sondern die gesamte Kette: den ganzen Arm-, Schulterkomplex zum Beispiel.

 

Bild: Urban Dance Health/Facebook

 

Ich bin verwirrt: Ich dachte immer Tänzer*innen sind die gesündesten Menschen, die es gibt. Sie sind beweglich, machen viel Sport….

Tänzer*innen haben viele körperliche Probleme, weil sie sehr einseitig trainieren. Meist umfasst das Training eine Hauptbewegung, zum Beispiel im Ballett: Da gibt es viel Außenrotation von der Hüfte und viel Beinarbeit. Und beim Breakdance hat man sehr hohe Belastungen von den Schulter- und Handgelenken. Das heißt, man geht immer recht extrem in eine Richtung. Viele Tänzer*innen machen zusätzlich Ausdauertraining, oder Krafttraining, aber es gibt Schwachstellen bei ihnen. Häufig wird trainiert, trainiert, trainiert. Aber die Entspannung, das Lockern, das Lösen wird vergessen. Sich zu dehnen ist zwar recht etabliert, aber Selbsttherapie, Atemtraining, Meditation, Runterkommen nicht. Man ist oft so auf 100 Prozent, dass die Regeneration gar nicht stattfindet.

Also zwischendurch meditieren und dann ist alles tutti?

Gesundheit ist nicht ein Status, sondern immer ein Prozess. Du gehst immer in Richtung Gesundheit, oder in Richtung Verletzung. Deshalb ist wichtig, dass du ein gutes Maß an Bewegung, Erholung, Schlaf, Essen aufrecht erhältst. Auch positive Gedanken, wie du dich selbst liebst, die soziokulturellen Umstände, ob du dich mit deiner Arbeit, deinem*deiner Partner*in, deinem Umfeld wohlfühlst, machen ganz viel aus für deine Gesundheit.

Wie soll ich bitte auf das alles gleichzeitig achten??

Das ist jetzt die Traumvorstellung. Man muss schauen, an welchen Rädchen man drehen kann, und welche man gar nicht verändern kann- zum Beispiel die Arbeit. Es ist auch ein Lernprozess. Das Einfachste ist, dort anzufangen, wo du etwas leicht verändern kannst. Wie zum Beispiel bei deinen Gedanken. Und es ist eine Prioritäts-Sache: Wie viel Zeit nehme ich mir für mich? Wie viel Zeit bin ich auf sozialen Medien aktiv? Vielleicht kann ich in genau dieser Zeit etwas anderes, sinnvolles machen.

Letztens habe ich gelesen, dass Nackenprobleme zunehmen, weil wir alle in unsere Handys starren. Nimmst du das auch so wahr?

Ja, vor allem viele Daumenprobleme. Die ganze Armstruktur ist in Beugehaltung, weil wir viel sitzen, dabei in den Armen, im Kopf gebeugt sind. Da geht man nicht nur von der Nackenbeugung aus, sondern der ganze Körper ist gebeugt beim Handy….sieren. Das sieht man auch die Stresskomponente, die unglaublich wächst. Der Körper muss bei Bildschirmen, sei es Computer, Handy oder Fernseher, ganz viele Informationen auf einmal verarbeiten. Anders als beim Lesen eines Buches. Und weil die Augenbewegung mit der Nackenmuskulatur verschaltet ist, macht diese dann irgendwann dicht. Und die Folgen sind Kopfschmerz, Tinitus, Knirschen im Kiefer, oder halt Nackenschmerzen.

Was ist ungesünder: Sitzen oder rauchen?

Sitzen ist generell schlecht für den Körper. Wir haben einen Bewegungsapparat und keinen Sitzapparat. Aber rauchen ist auf alle Fälle schlimmer.

Was ist ungesünder: Handy oder Laptop?

Handy. Es ist das erste, mit dem du aufwachst, das letzte mit dem du zu Bett gehst und der Laptop ist immerhin ein bisschen weiter weg von den Augen.

Wer ist gesundheitlich gefährdeter: Die Blogredaktion oder Tänzer*innen?

Die Blogredaktion.

Letzte Anmerkungen?

Das einzige Instrument eines Tänzers oder einer Tänzerin ist der Körper. Deswegen sind wir von der Funktion des Körpers abhängig, dass Performance möglich ist. Wir von Urban Dance Health bieten physiotherapeutische Beratung, Testung, Befundung und Übungen, um den Körper nachhaltig gesund zu behalten. Hier auf dem TdJ sind überwiegend Jugendliche Teilnehmer*innen und sie haben noch nicht so viele Probleme im Vergleich zu den Ü30 jährigen Tänzer*innen. Deswegen finde ich gut, wenn Jugendliche, die schon Probleme oder einfach Fragen haben, hierher kommen, um sich speziell für sich, ihren Körper und ihren Tanzstil zu informieren. Das heißt nicht zu kommen, wenn die Hütte schon brennt, sondern schon im vorhinein zu agieren. Deswegen sind wir hier.

Bevor wir uns verabschieden können, stürmt eine aufgeregte Tanzgruppe in den Raum. Sie werden heute Abend auftreten und brauchen mehr Tape. Ich verschwinde unauffällig und hinke den Flur entlang bis zum Raum der ungesunden Blog Redaktion.

 

Mehr unter: facebook.com/urbandancehealth/

 

Foto von Anna Zhukovets