German Angst – Leipzig Edition

Ist „Sie mögen sich“ die Liebesgeschichte zwischen zwei leidenschaftlichen Figuren – oder eine leidenschaftliche Fehleinschätzung der politischen Verhältnisse? Die FZ-Autor*innen Sophie Stroux und Tong Mao benennen in ihrer gemeinsamen Rezension zwei Probleme.

„Sie mögen sich“ beginnt als klassische Liebesgeschichte. ER und SIE treffen sich auf einer Party und verlieben sich sofort. Nur leider erlauben die gesellschaftlichen Umstände ihre Liebe nicht. Die Inszenierung zeigt die Liebe bewusst reduziert. Das Bühnenbild besteht aus Schaukel, Sofa und Stehlampe, die Kostüme sind Straßenkleidung. Auf der Bühne sind nur zwei Darstellerinnen, die SIE und IHN spielen. Ihre Namen werden bewusst weggelassen. Gleichzeitig ist eindeutig, wo und wann ER und SIE aufeinandertreffen: Es ist Leipzig im Jahr 2016, die Rede ist von LEGIDA und dem Wahlkampf Trump / Clinton.

Der Kontrast von formaler Reduktion und konkreter Kontextualisierung funktioniert. Auf der Bühne entsteht eine intime Atmosphäre, die einen angemessenen Raum für die junge Liebe bietet. Die beiden Schauspielerinnen wissen diesen Raum zu bespielen und zu nutzen.

Problematisch finden wir weniger die Art der Darstellung als das Dargestellte. Zunächst sind da die Rollenbilder, die im Stück vermittelt werden. In „Sie mögen sich“ werden SIE und ER von zwei Schauspielerinnen gespielt. So bringen sie eine andere Perspektive auf die archetypisch heteronormative Liebesgeschichte – könnte man zumindest meinen. Doch der Text löst sich nicht von Rollenbildern, sondern zementiert sie. Es scheint so, als wollte der Text ständig unterstreichen, dass ER nicht als eine zweite SIE wahrgenommen werden soll.

SIE MAG IHN, ER SCHLÄGT SIE, SIE MÖGEN SICH
Die Eigenschaften der Figuren entsprechen stereotypen Geschlechterrollen. ER, vier Jahre älter als sie, ist ein unglaublich verliebter Raufbold, impulsiv, laut, aggressiv und trotzdem Kind geblieben. SIE ist jünger, pseudo-emanzipiert, sorgt sich ständig, verzeiht, wenn ER sie schlägt, zerbricht an seiner besitzergreifenden Liebe. Das hat man so schon oft gehört, gesehen, gelesen.

Die dargestellten Mütter sind ängstlich, depressiv, wehrlos; eine wird von ihrem Ex-Mann getötet. Die Väter dagegen sind impulsiv, aggressiv, eifersüchtig. Einer ist ein Karrieretyp, der andere ein politischer Aufrührer. Das ist, wie SIE selbst im Stück sagt, eine „Manifestation (kapitalistischer) Rollenklischees“. Das Stück benennt das Problem, aber arbeitet nicht dagegen an, sondern reproduziert es.

Umso enttäuschender sind die Klischees, weil das Stück Werke zitiert, die konventionellen Erzählstrukturen wie diesen widersprechen. Da wäre zum Beispiel das Lied „Sie mögen sich“ von Shaban und Käptn Peng. Es erzählt von einem ungleichen Paar, das trotz allen Widerständen wieder zusammenfindet. Oder auch das Indie-Game „Life is Strange“, dem zwei der eingespielten Lieder entstammen. Das Computerspiel zeigt eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen, die sich nicht an alten Erzählmustern entlanghangelt: Statt auf schablonenhafte Typen zurückzugreifen, nimmt sich das Spiel die Zeit, starke individuelle Figuren zu entwickeln. Das hätte dem Stück „Sie mögen sich“ mit seinen zwei ausdrucksstarken Schauspielerinnen auch gelingen können.

ABSURDE ANGST VORM BÜRGERKRIEG
Unser zweites Problem mit dem Stück betrifft die Darstellung des politischen Kontexts. In „Sie mögen sich“ scheint es, als sei in Deutschland ein Bürgerkrieg zwischen der Neuen Rechten und der Antifa ausgebrochen. Das ist eine fatale Fehleinschätzung. Die Gewaltbereitschaft von Neonazis und Antifa wird auf faktisch falsche Weise gleichgestellt. Und selbst wenn man von einer qualitativen Gleichwertigkeit von rechtsextremistischer und linksextremistischer Gewalt ausgehen möchte, halten sich rechts- und linksextremistische Straftaten nicht die Waage. Für das Jahr 2016 stellt der Verfassungsschutz 22.471 rechtsextreme Straftaten nur 5.230 linksextremen gegenüber. Es ist also grob irreführend, Konflikte zwischen Rechten und Linken als eine Gewaltspirale darzustellen.

Zweitens entspricht es nicht der Realität, die aktuelle Situation in Deutschland als einen bürgerkriegsähnlichen Zustand darzustellen. Genau das ist in der Inszenierungen aber passiert, wenn Videoschnipsel von Demonstrationen und Gewalt auf der Straße ohne nähere Kontextualisierung eingespielt wurden. In Deutschland gibt es Gewalt, aber keinen Bürgerkrieg. Es gibt Gewalt gegen Geflüchtete, gegen People of Colour, gegen LGBTIQ* People, gegen Frauen.

Auf diese Formen von Gewalt geht die Inszenierung nicht ein – stattdessen wird eine diffuse Atmosphäre von Gewalt heraufbeschworen. Die Gewalt, die in Syrien herrscht, wird gleichgesetzt mit der Gewalt, die in den USA herrscht – und mit der Gewalt in Deutschland. Darüber liegt der Irrglaube, dass früher alles besser gewesen sei. Mehrmals erzählt SIE, das Land sei früher weniger zerrissen gewesen. Früher sei ihre Mutter keine LEGIDA-Anhängerin gewesen und seine Mutter habe keine Drohbriefe bekommen. Die Botschaft ist dahinter: Deutschland und die Welt befinden sich angeblich im Ausnahmezustand. Das ist politisch nicht begründbar und zugleich eine Annäherung an rechte Argumentationsmuster. Auch die AfD spricht gerne davon, dass Deutschland den Bach runter geht.

Es mag sein, dass der Mythos einer verlorenen Vergangenheit nicht die intendierte Botschaft des Stücks ist, sondern vor allem die Gefühlswelt der Figuren wiedergeben soll. Schließlich sind die Figuren auch unzuverlässige Erzählerinnen, wie sich an einer Stelle des Stücks zeigt: SIE muss sich an einer Stelle selbst korrigieren, als sie eine muslimische Familie automatisch für Geflüchtete hält. Trotzdem ist es kaum möglich, die gesellschaftliche Dimension dieser Liebesgeschichte auszublenden, deshalb lässt sich die Mär vom bedrohten Abendland schwer aus dem Subtext des Stückes wegdenken.