Nathalie trifft Katie /
Justin trifft Stefan:
Generation X, Y, Z…?

„Nathalie trifft Katie / Justin trifft Stefan“ lässt eine zärtliche Collage über die Lebenswirklichkeit der unter Zwanzigjährigen entstehen

Gleich zu Beginn entsteht dieser rasante Dialog zwischen Nathalie und Katie, der die nackte Bühne in einen Facebook-Chat verwandelt: Hier tauschen die beiden Banalitäten in Form von Smileys, Herzchen und Likes miteinander aus, erstellen Veranstaltungen, blockieren ihre Eltern, oder aber checken die Urlaubsbilder Bekannter auf Oberflächlichkeiten ab.

Schnell drängt sich beim Zuschauer die Angst auf, das Stück schon jetzt komplett „durchschaut“ zu haben und in „Nathalie trifft Katie / Justin trifft Stefan“ jugendliche Themen durch jugendliche Protagonisten bloß in plakativer und reproduzierender Form verhandelt wiederzufinden. Dem Tanztheaterstück gelingt es allerdings bestens, mit diesen Vorahnungen zu brechen.

Während auf Facebook einen Klick entfernt Millionen anderer Leben auf einen zu warten scheinen, wirft der Anfangsdialog angenehm unaufdringlich DIE non-plus-ultra-medienkritische Frage auf, die das Stück im weiteren Verlauf locker zusammenhält: Wie kann man sich heute überhaupt noch nah kommen – geschweige denn begegnen? Eine eindeutige Antwort erfolgt nicht. Erfreulicherweise.

Während die Textpassagen dafür sorgen, die vier Jugendlichen als Einzelkämpfer zu porträtieren, die mit ihren doch so ähnlichen Parallelwelten hadern, kontrastieren die Tanzszenen mit echten körperliche Konfrontationen, aber auch unaufgeregten Begegnungen, in denen Nathalie und Katie, Justin und Stefan eine echt Nähe erst gelingt. Einmal umarmen sich die Mädchen zaghaft, bis sie sich schließlich ineinander verkrampfen, kaum mehr loslassen wollen. In einer anderen Szene boxen die Jungs miteinander, wütend und zärtlich zugleich. Später dürfen alle vier zu elektronischer Clubmusik selbstvergessen herum bouncen. Wenn man sich mit Sprache nicht mehr näher kommen kann, geht das vielleicht nur noch mit dem Körper.

Foto: Dave Großmann Je länger man dem Stück zusieht, desto stärker avancieren Nathalie, Katie, Justin und Stefan zu Sympathieträgern, die als Individuen aus der Schablone ihrer Generation ausbrechen. Dabei bringen alle vier eine spielerische – man könnte sogar sagen – „authentische“, körperliche Präsenz auf die Bühne. Die Kontaktsuche mit dem Publikum bleibt oberflächlich. Die biographisch gefärbten inneren Monologe der Vier in denen Sorgen, Geheimnisse und mögliche Zukunftsentwürfe formuliert werden, teilen sie allerdings ausschließlich mit dem Publikum, statt miteinander. Der Zuschauer wird in diesem Stück also in subtiler Form involviert, indem er zum Komplize einer Generation gemacht wird, die in den Medien nur oberflächlich als „Generation Y“ gehandelt wird.

„Nathalie trifft Katie / Justin trifft Stefan“ versammelt lose und unkommentiert Impressionen aus dem Leben der unter Zwanzigjährigen: Mit Sprache und Körpern. Der formalen Offenheit, dem unverbundenen Nebeneinander der Szenen ist zu verdanken, dass der Zuschauer ausreichend Raum hat, selbst zu assoziieren und die einzelnen fragmentarischen Szenen aus Tanz und Text mit Bedeutungen versehen darf, anstatt dass ihm Meinungen und Facts zur Generation Y aufgezwungen werden, die allen sowieso schon längst bekannt sind.

Foto: Dave Großmann