Generation S:
Vom Erzählen und
vom Großwerden

Sie tragen farbige Poloshirts, Jeans und Turnschuhe, sie sitzen auf Boxen, zwischen Wasserflaschen und Mikros, sie nennen sich die »Generation S«. S wie Stuttgart. Oder wie Sex? S wie Sabotage? Super? Scheiße? SMS? Generation SOS? Generation Standard? Noch nie habe eine Generation so viele Namen gehabt. Aber: »Wer wir sind, wissen wir deshalb nicht besser. Wer wir sind, wisst ihr deshalb nicht besser.«

Das Stuttgarter Ensemble versucht, diese Generalisierungsversuche, diese Pseudo-Generationsbenennungen zu demontieren, indem es individuelle Geschichten erzählt. Und das gelingt. Die Geburt ohne geplatzte Fruchtblase, der Unfall mit der Haarspange (in Wange, Grund: Erdbeertörtchen), Händchenhalten auf Waldboden. Das Stück »Generation S« erzählt von Kindheit und Aufwachsen, von Liebe und Enttäuschung, von Verlust, von Träumen, von Wünschen, von Vorbildern, und das in Episoden, die jede eine ganz eigene Textur hat, in denen man sich wiederfindet, ohne das Gefühl zu haben, sie alle schon zu kennen. Gleichzeitig stellt das Ensemble die Schwierigkeit aus, überhaupt Geschichten zu erzählen, vor allem die eigenen. Eine Spielerin behauptet: »Die Geschichten, die wir erzählen werden, sind wahr.« Und: »Sie sind genauso passiert und nicht anders.« Gleich darauf beginnen aber die Figuren, vom Tag ihrer Geburt zu erzählen, von ihrem ersten Wort, von Ereignissen also, an die sie selbst gar keine Erinnerung haben können, von denen sie gar nicht wissen können, wie sie tatsächlich passiert sind. Dadurch wird ihre eigene Behauptung sofort ad absurdum geführt und damit vielleicht auch die Vorstellung, es gäbe überhaupt ein Das-ist-genauso-passiert-und-nicht-anders.

Der Erzählvorgang wird aber nicht nur auf der inhaltlichen Ebene ausgestellt, sondern auch auf der formalen: Die einzelnen Geschichten werden von ihren Protagonisten erzählt, und dann von den anderen Spielern nachgespielt, die Boxen und Wasserflaschen dienen als Requisiten, jeder Spieler kann jede Figur sein, die Konstellation wird scheinbar spontan durch Fingerzeig ausgewählt, und dann geht es los. Aber diese zwei Ebenen, die eigentlich in einer produktiven Spannung zueinander stehen könnten, verlieren sich eher in illustrierender Wiederholung; man sieht, was man gerade schon gehört hat, das Boxenschieben dauert lange und so bleibt die Spielweise nicht lange genug spannend. Wo sich auch die Frage stellt, wie lange Kindergartengeschichten überhaupt wirklich spannend sein können, trotz aller Individualität.

Es gibt aber auch Momente, in denen gar nicht gesprochen wird, in einem anderen Licht, mit starker Musik und guten Choreographien (die Haarschüttelszene, der Menschenhaufen); in denen schaffen die Spieler starke Bilder, die am Ende vielleicht sogar am meisten überzeugen.

Zum Schluss laufen alle Episodenstränge auf der großen Stuttgart 21-Demonstration zusammen; es ist, als würde die Politik plötzlich einbrechen in die jugendliche Welt der Figuren: Sie haben es sich nicht ausgesucht, sie konnten sich einfach nicht entziehen, plötzlich war da die große Demo im Stadtpark und plötzlich haben sie sich dazu entschieden – oder auch nicht. Und genauso plötzlich kommt es zum Bruch in dem bis hierhin doch eher parodistischen Ton des Stücks: bedrohliche Musik, große Worte. Alle zwanzig Jahre müsse es einen Krieg oder eine Revolution geben. »Wir sind überfällig. Daher kommt das Vakuum. Wo nichts endet, kann auch nichts anfangen.« Aber dieses Plötzlich, dieser Bruch, ist letztlich überfordernd. Man fragt sich, wo das Pathos auf einmal herkommt und wo all die Selbstironie geblieben ist. Man steckt gedanklich noch im Kindergarten, in den Geschichten von einer musikalisch unbegabten Erzieherin und einem toten Hamster. Man versteht nicht, wie sie so schnell großwerden konnten, die Figuren. Aber vielleicht ist genau das ihr Punkt: Sie verstehen es ja selbst nicht.

Foto: Dave Großmann