Generation S:
Schön ist die Jugend

Ich mag Generationen nicht wirklich leiden. Weil Generationen und Generationszuschreibungen sind schon länger nicht mehr tragisch bis interessant (Lost Generation, Beat Generation, Generation X, sowas) sondern eher arbiträr bis belanglos (Generation Praktikum/Golf/Porno/@/etc.). Das hängt vielleicht damit zusammen, dass es hier, glaub ich, nur noch wenige Dinge gibt, die eine richtige Generation schaffen könnten, zum Beispiel das gemeinsame Überleben eines Kriegs. Meine, unsere gesamtdeutsche Generation scheint mir, wenn überhaupt, eine des diffusen Wohlstands, die nur wenig abgegrenzt werden kann und ziemlich vage und lose an den Rändern ist.
Ob und inwieweit eine gemeinsam erlebte Stuttgart-21-Demonstation eine neue Generation schaffen kann, ob man von sich selbst überhaupt als Generation sprechen kann, weiß ich nicht. Aber ich glaube, dass das letztlich auch egal ist. Deswegen habe ich beschlossen, zu versuchen, das (auf diesem Festival beliebte) über das Ende des Stücks hereinbrechende (wie die Wasserwerfer über die Demonstranten, damals, im Schlossgarten, was vielleicht der dann auch einleuchtende Grund für diese Standpunktdeklaration an jener Stelle war) Darlegen einiger allgemeiner, umfassender Wahrheiten (wie dass die Liebe tot und die Gesellschaft zersört sei) und Forderungen (nach einer Revolution) zu ignorieren, um mich nicht über diese großen Worte, die so leicht anmaßend und platitüdenhaft wirken können und die der Zartheit und Differenziertheit des Stücks entgegenliefen, ärgern zu müssen.

Denn diese Generationssache und vor allem Stuttgart-21 waren vor allem Anlass, eigene Geschichten zu erzählen und gaben eine Möglichkeit zur Kulmination und eine des Verflechtens dieser einzelner Geschichten.

Geschichten, die anrührend waren und so sehr wahr schienen, dass es manchmal weh tat. Man begann am Anfang mit Geburtsszenen und ersten Worten, um dann in Kindergarten und Grundschule zu gehen, sich zu verlieben, sein Fahrrad zu verlieren und vom großen Bruder gerächt zu werden, Chor-AGs zu besuchen, sich zu verlieben, andere Dinge zu tun, die man nicht hätte tun sollen, mit unerreichbaren Schwärmen seinen 18. Geburtstag zu feiern, um am Schluss mit seinen Klassenkameraden bzw. Generationsgenossen auf dieser Stuttgart-21-Demonstration unverhofft und plötzlich im Schlossgarten unter die Wasserwerfer zu kommen.

Mit Erinnerungen ist es so eine Sache, zuerst sind es diese familien- und beziehungszementierenden Gründungsmythen, Fragmente aus der Kindergartenzeit und Grundschule, später komplexere Szenen, die mehr miteinander in Bezug standen; es sind tragische (die erhoffte Schwester, Melanie, ist umgekommen), traurige (man liebt und wird nicht zurückgeliebt), tragikomische Szenen (die Peinlichkeit im Schulchor, der erste Zungenkuss, die Sache mit der (Hamster-)Gruppe und der singenden Kindergärtnerin) und komische Episoden (der Vater beim Grillen, die kreißende Mutter auf Schatzsuche). Wahrscheinlich ist sind sie so, die einzelnen Leben. So sehr zart.

Erzählt wurde (charmant, selbstironisch, elegant, zart) in für sich selbst stehenden, aber nicht unverbundenen Episoden, in denen einzelne zu den Regisseuren ihrer eigenen Geschichte wurden, sich und ihre Erinnerungen inszenierten, ihren Mitspielern Rollen zuwiesen und die Stichworte gaben. Diese Form der Selbstverwaltung des Erinnerten schien mir eine der wenigen angemessenen Möglichkeiten, mit betont authentischen Inhalten auf der Bühne umzugehen.

Und dann: immer wieder abstrahierte Bewegunsszenen, die sich organisch aus dem vorher Gezeigten ergaben, zum Beispiel die Kollektiverung des »Haartricks«, der dann in einen Krampfanfall übergeht und mit Werbe-Klischee-Bildern auf einigen der, sonst die Bühne zeigenden, Bildschirmen unterlegt waren. Und das hat so sehr gut geklappt, weil die Spieler sich so sehr gut bewegen, sprechen, abspasten und seltsame Geräusche machen konnten. Weil die minimal ausgestattete Bühnenwelt aus Tischen und Lautsprecherquadern so sehr chic und klug bespielt wurde, wenn zum Beispiel aus einem Tisch ein Treppenhaus wurde und aus Lautsprechern Wälder.

Im Hintergrund dreht sich der Mercedes-Stern.

Foto: Dave Großmann