Gegenwelten

Zum Anfang einige Gedanken

Ankommen im kleinen Garten Eden der Berliner Festspiele, hinterm Haus, da, wo alles (das Wichtigste) stattfinden wird. Die Gespräche, das Beisammensein, das sich Freuen, Intrigen, Liebschaften, Albernheiten, Fernbleiben. Viele sind zum ersten Mal hier, beim Theatertreffen der Jugend. Einige nicht, manche in anderer Funktion. Für ein paar wird es ein prägendes Erlebnis werden, für andere nicht. Hier trifft so vieles, treffen so viele aufeinander, so Unterschiedliches, dass es albern wäre, Vergleiche zu ziehen. Vergleichen lässt sich bloß der Ort, der ist gleich für alle.

Abgeschirmt für eine gute Woche, abgeschirmt von allem, das sich dem entgegenstellen könnte, was hier passiert. Ein absurdes Konstrukt Künstlichkeit, in dem man sich bewegt, in dem andere Werte gelten. Das man erst bemerkt, wenn man wieder nach draußen tritt. Vor die Tür.

Vor diese Tür scheint die diesjährige Auswahl des Theatertreffens jedoch immer wieder treten zu wollen. Mit kraftvollen Schritten, die Lungen voller Außenluft. Sie rufen, dass das mit ihnen doch mit dem da draußen, dass das doch zusammenhängen könnte. Dass das eine mit dem anderen, dass das doch funktionieren könnte. Dass man es versuchen sollte, zumindest. Klare Themen haben sie gewählt, politische Themen.

Sie erzählen von Dingen, die sie aus ihrem Leben reißen und in die Gegenwelt Theater tragen. Aber sie erzählen auch von Dingen, die mit ihnen erst mal gar nichts zu tun haben. Themen, die gegen ihre Welt stehen. Vor die Tür treten, um sich auf die Suche zu machen. Nach Geschichten und Themen, die groß sind, die abstrakt sind. Die man bezwingen muss und an denen man scheitern kann, scheitern wird. Im frustrierenden Wissen, dass sich nach dem Theater die Welt nicht verändern und nicht anders drehen wird. Sich die Realität vor der Tür nicht durch Theaterrealität niederringen lassen wird.

Vor der Tür aber stehen dann Menschen, die verändert wurden, durch die Gegenwelt Theater, die zusammensaßen im kleinen Garten Eden. Die diskutiert haben und gegessen, getrunken. Die dem Alltag entkommen sind und daraus die Kraft genommen haben, das Erlebte wieder in ihn hineinzutragen. Die gelernt haben, Formen zu finden, für das, was sie sagen wollen. Die Formfindung als politischen Prozess verstanden haben. Die erkannt haben, dass es gut ist, abgeschirmt zu sein. Dass Theater abgeschirmt sein muss. Dass es sich kurz verstecken muss, in der Probe, vor der Öffentlichkeit.

Weil in dieser Abschirmung etwas entsteht, was sich kaum greifen lässt, eine kleine Entrückung, die sich gegen die Welt stellt. Eine Veränderung, die nicht mehr zu korrigieren ist. In ihr wird deutlich, dass etwas anderes möglich ist, dass andere Welten möglich sind: dass es Gegenwelten gibt. Das klingt pathetisch und ist es auch im Kern. Aber weil wir im Kern pathetisch sind, machen wir Theater. Dimiter Gotscheff meinte mal, Theater könne eigentlich nichts verändern, aber ein kleines Loch reißen, ins Gehirn und ins Gedärm. Er sprach von Außersichsein, Begeisterung, Trauer. Weil man es miteinander aushält, weil man probiert, weil man missverstanden wird und neu Anlauf nimmt. Wir sind hinterm Haus im Garten Eden, wo das Wichtigste stattfinden wird. Wir sind hier abseits von allem – und das ist die Kraft.