Gegen die ungefährliche Seite –
Zum Schreiben übers Spielen

Gestern hat der Juryvorsitzende Martin Frank mit uns – der FZ-Redaktion – einen Workshop gemacht. Wir haben Stöcke balanciert und geworfen und gefangen und dabei erfahren, was es mit uns macht, wenn wir GESEHEN werden. Wie die Unsicherheit steigt, der Stock wackelt, die Kraft nachlässt. Martin Frank sagt, das sei der fundamentale Unterschied zwischen dem Spielen und dem Schreiben: Ein Schauspieler werde gesehen, ein Autor nicht. Der Schauspieler müsse, um auf die Bühne zu gehen, erst seine Angst überwinden Ein Autor müsse sich niemandem direkt aussetzen, könne sich hinter seinem Text verstecken, spüre keine Angst.
Martin Frank und die Stöcke haben mich zum Nachdenken gebracht: über den Unterschied zwischen Spieler und Autor, über das Verhältnis zwischen den beiden. Denn die letzten beiden Theatertreffen der Jugend inklusive der Rückmeldungen der einzelnen Gruppen in der Dokumentation des ttj09 haben mir gezeigt: Schreiber und Spieler stoßen auch mal zusammen auf so einem Theatertreffen (der Jugend). Und zwar immer dann, wenn sich FZ lesende ttj-Spieler zu Unrecht, zu hart kritisiert fühlen. Und das ist ja auch gut, denn Meinungs-AUSTAUSCH kann ja nur bei unterschiedlichen Meinungen zustande kommen, und genau das wollen wir ja: Austausch, Kommunikation, (konstruktive) Konfrontation. ABER: Wird in dieser Konfrontation nicht allzu oft Martin Franks These zum fundamentalen Unterschied zwischen Schreiben und Schauspielern zum Hauptargument? Als Autor habe man es ja leicht, sei man ja immer auf der ungefährlichen Seite?

Aber welche ist die ungefährliche Seite? Auf jeden Fall: die der Schublade, die des Mülleimers, die des Tagebuchs. Doch sobald man mit dem, was man tut, was einem etwas bedeutet, hinaus in die Welt geht, sind die ungefährlichen Zeiten vorbei: Man macht sich angreifbar. In einem Text steckt immer ein Stück vom Autor selbst: Man gibt sich preis, zumindest zum Teil, und ist damit nicht weniger präsent als der Spieler auf der Bühne. Wer schreibt, will gelesen werden. Wer gelesen wird, schafft Kommunikation. Und gerade in einem solchen Mikrokosmos wie dem ttj, dem Festivalzentrum WABE ist Kommunikation so leicht und so unmittelbar: Wohinter soll ich mich verstecken, wenn ich vorm Klo, an der Fassbrausezapfsäule, im Zuschauerraum auf einen meiner Texte, eine meiner Rezensionen angesprochen werde? Und vor allem: Warum sollte ich mich denn verstecken?

Also: Auch der Autor setzt sich aus. Dem Leser. Und in einem solchen Kontext wie beim ttj ist das durchaus direkt zu verstehen. Genau deswegen macht ein Autor es sich nie leicht mit einem Text. Die FZ nimmt euch, die Festivalteilnehmer, ernst. Gerade deswegen wollen wir auch, dass man unsere Kritiken ernst nimmt – aber nur als das, was sie sind. Denn daraus wollen wir keinen Hehl machen: Unsere Rezensionen werden immer mal wieder in anderer Form erscheinen. Mal als große, konstruktive Kritik, mal nur als flüchtige Momentaufnahme, als Stimmungsbild, Erst-Eindruck, als Assoziation oder Beobachtung. Und vielleicht werden wir auch mal in voller Fahrt am richtigen Ton vorbeischlittern. Gerade WEIL wir die Stücke ernst nehmen, weil wir uns leidenschaftlich – und eben auch mal kurzschlusshitzköpfig – mit einem Stück auseinandersetzen.

Ja, Kritik kann wehtun, kann verletzen. Die Pseudo-Abmilderung, dass sei ja alles nicht persönlich gemeint, ist zwar wahr, aber nichts wert, weil man eben doch dazu neigt, jeden Angriff auf die eigene Leistung, das eigene Produkt als Angriff auf die eigene Person zu verstehen. Denn wie hieß es gestern auf dem Hornbach-T-Shirt eines Chemnitzers? „In jedem Projekt steckt ein Teil von dir.“ Genau so ist das bei Schauspielern, Regisseuren oder Musikern.

Und das soll bei Autoren anders sein? Weil sie nicht bei jedem Leser live daneben sitzen? Man will sich fast verleiten lassen zu sagen: Der Autor ist auf der noch viel gefährlicheren Seite – denn er ist allein. Da ist kein Ensemble, das mit ihm zusammen für ein Produkt steht, das ihn stärkt und auffängt. Eben keine Moment- oder Kollektiv-Entscheidung, die einen schützt. Man neigt dazu, den Text als Instanz zu betrachten, von ihm absolute Gültigkeit zu erwarten, immer das treffendste Wort, größtmögliche literarische/journalistische Raffinesse… Und unter diesem Druck, unter dieser Erwartung soll der Autor keine Angst haben? Nur weil ihm niemand beim Schreiben zusieht? Autoren HABEN manchmal Angst. Gerade vielleicht bei solchen Treffen wie dem ttj, denn hier schreibt man doch noch viel mehr als sonst nicht für sich selbst, sondern für andere: Wir schreiben FÜR EUCH.

Kritik kann verletzen. Im Rahmen eines Workshops schreibt die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff neben einen meiner Texte: „entsetzlich/ unsäglich öde/ abgeschmackt/ idiotisch“. Wohinter kann ich mich da verstecken? Was soll ich da nicht persönlich nehmen? Kritik kann wehtun. Das wissen wir. Aber wir wollen euch nicht wehtun, wir wollen euch kitzeln; indem wir beobachten, festhalten, nachfragen, nachdenken, reflektieren. Und unsere Leser sollten das eine nicht vergessen, wenn sie ÜBER UNS urteilen: dass wir auch ein Stück von uns selbst in dieses Festival geben.