Gedanken zur Lesung:
Wortparasiten

Wir sind Wirtsorganismen für Worte, verkündet ein blassgelbes Post-it, das einer der jungen Autoren auf einen Betonpfeiler geklebt hat. Das ist radikal. Das sagt, dass unsere Worte nur zu Gast sind bei uns, aber auch, dass wir mit ihnen in einer Symbiose leben. Wir bieten unserem Gast (geistige) Nahrung, einen Aufenthaltsort und Schutz, tragen zu seiner Vermehrung und Verbreitung bei. Wir schreiben Lyrik und Prosa, lesen und besuchen sogenannte Kulturveranstaltungen. Ohne einen Wirt kommt Sprache nicht aus. Es bleibt das Unbehagen, dass unsere Sprache, seit jeher Ausdruck unseres Innersten, im Grunde artfremd sein soll. Worte als Parasiten. Nicht zulänglich, um unsere Welt zu beschreiben. (Wir reißen unseren Worten nach und nach die dünnen Beinchen aus.)

Was müssen wir tun (schreiben), um wir selbst zu sein?

Aber wessen Welt oder besser: wessen Welten sind das eigentlich, die die jungen Autoren in ihren Texten beschreiben? Wenn eine Dreizehnjährige beispielsweise ein Leben zwischen Psychotherapie und Selbstverletzung schildert oder wenn verhandelt wird, ob es normal ist, als Frau eine Frau zu küssen und sich als Junge die Nägel zu lackieren. Der Zuhörer weiß, dass alle Figuren fingiert, die Geschichten geliehen sind, aber dennoch heißt es nach der Lesung aus dem Publikum, dass da „krasse Lebenserfahrungen“ geschildert wurden. Warum? Vielleicht, weil ein Wort wie Authentizität so sehr in Mode gekommen ist und gerade von jungen Menschen erwartet wird, dass sie sich mit ihrer eigenen Lebenswelt auseinandersetzen.

Dass wir von unserer eigenen Perspektive abrücken können, ist vielleicht das wesentliche Merkmal menschlicher Sprache. Wir malen uns den Horizont eines anderen in Worten. Wir versuchen, jemand anderes zu sein, wenn auch nur einen Text lang. Einmal heißt es gestern, dass das nicht möglich sei, der Kopf zu schwer für die fiktiven Lebens-, Gesellschafts-, Zukunftsentwürfe. Aber es scheint, als würden genau diese erwartet. Solange Autoren in Talkshows geladen und zu Flüchtlingspolitik und Ukrainekrise befragt werden, solange Pädagogen erwarten, dass Lektüren über Rollstuhlfahrer, Migrantenkinder, Mobbingopfer vorliegen, besteht ein Anspruch auf kritische Auseinandersetzung im Text. Vielen der gestern gelesenen Texten scheint das bewusst.

Es gibt aber auch den Gegenpol. Insbesondere einige der Gedichte rücken nah heran an uns, unseren kleinen Alltag und die großen Träume. Träumereien in und über Sprache, während die Prosa sich sprachlich zurücknimmt, uns ganz auf die erzählten Geschichten verweist. Es fällt schwer, die Texte der Lesung zu vergleichen, da jeder ganz individuelle Fragen aufwirft. Insgesamt aber zeigt sich uns eher ein Suchen als ein Finden. Die jungen Autoren probieren (fremde) Welten aus in Sprache. Zuletzt werden die Worte, die Perspektiven, die sie dabei finden, dann doch ganz persönliche. Nur die beschriebenen Welten lösen sich ab von ihren Autoren: in den Texten, in unseren Köpfen und auch, wenn die, die das schrieben, nicht mehr da sind. Eine gute Symbiose. Erfolgreiche Wirtsorganismen.

Foto: Dave Großmann