Gastbloggerin:
Susi Romanowski

Kill your Darlings

Dieser Eintrag ist eine kleine Rebellion. Warum? Ich schreibe ihn allein und er bleibt unbesprochen. Er streckt einem ganz großartigen Aspekt des tja die Zunge, und wenn er glaubt, dass niemand hinschaut, vielleicht auch den Mittelfinger raus: Welchem? – Dem Lektorat. Da sind der Autor und eine Gestalt mit Ahnung vom Schreiben, mittendrin der Text, bereit, zerpflückt zu werden. Während der Text seiner partiellen Demontage recht gelassen entgegen sieht, macht der Autor die nächste Krise des Tages durch: das Ursprungswerk, das Baby, besteht nach wenigen Minuten mehr aus Anmerkungen als aus dem Ausgangsmaterial. Das tut erst einmal weh. Schließlich kommt man doch zum tja, weil die Jury die eingereichten Arbeiten mochte – oder doch nicht?

Auf das erste Schlucken oder den Nervenzusammenbruch folgt irgendwann die Erkenntnis: so ein Lektorat ist verdammt hilfreich. Und ein Privileg. Denn für viele von uns ist es das erste Mal oder zumindest eine seltene Gelegenheit, dass jemand ganz genau hinschaut. Dass eine weitere Person den Text so ernst nimmt wie man selbst. Dass Kritik über „Gut!“, „Interessant“ oder „Hm…“ hinausgeht. Welche Teile sind besonders gelungen, was ist noch nicht ganz stimmig und vor allem: was kann raus? Das tja bietet eine Plattform für offene Fragen und ehrliche Antworten: ob im Vieraugengespräch mit einem Jurymitglied, in den Workshops, in der Gruppe, bei einem Glas Wein oder Fassbrause. Hauptsache, es wird geredet. Denn diese Worte klingen nach, mit etwas Glück ist man weit über das Treffen hinaus sein eigener Lektor, kommt bald wieder und wird richtig berühmt. Sollte letzteres nicht eintreffen, kann man sich immer noch über solide besprochene Texte freuen und Gastbeiträge für das Blog der Berliner Festspiele schreiben. Die, wenn ich jetzt mal ganz ehrlich bin, doch noch mal gegengelesen werden.