Gastblogger: Rudi Nuss

Wer geht schon freitagabends auf eine Lesung

Es ist ein Jahr her, da fand ich mich in dem Gebäude der Berliner Festspiele wieder, das architektonisch so glasig transparent und ultrageometrisiert,  hyperkonturiert, schnittig frisch ist – ihr wisst ja, das Ding sieht ja jeder.

Einem Gebäude, das so perfide für Kunstentfachung und –entfaltung konzipiert wurde, mit einem Teppichboden, auf dessen Oberfläche man überall merkt, ja, hier fließt Geld rein – und es fließt durch den Boden genau zu mir, dem Kulturgut und der guten Zukunft. Das rote Rechteck erinnert mich daran, wo ich bin. Und nicht weit davon das Emblem des Bundesministeriums – ein Statussymbol. Als ich nervös den gefüllten Saal erblickte, fragte ich mich nur: Warum seid ihr hier? Wer geht freitagabends auf eine Lesung? Lesungen sind doch das Langweiligste auf der Welt! Aber es gibt nur zwei Methoden, solch einen Literaturwettbewerb zu inszenieren:

I. Lesung.

II. 50 Menschen sitzen in einem Raum und lesen die Texte für sich alleine, während die Autoren vorne auf der Bühne stehen und das Publikum anstarren.

Erstere Methode hat sich in einer langen Tradition durchgesetzt, letztere ist sehr unangenehm. Und da haben wir die Antwort: anstarren oder angestarrt werden, was können wir sonst tun.