Gastbeitrag:
Über Lesungen,
über Sprechen –
(eine ((sehr) kurze) Reflexion)

Das Sprechen ist ein unendlich komplexer Akt, nicht nur kognitiv ein Clash der Hirnareale. Hintergründige Kontextualisierungen und Bedeutungserzeugungen von körperlichen, non-verbalen und verbalen Zeichen überschneiden sich. Unendlich komplex auch wegen der möglichen Realisierungen in der paradigmatischen Reihe und der syntagmatischen Abfolge. Das alles kulminiert in dem Aspekt des Ereignisses; einem – ich wiederhole – unendlich komplexen Vorgang. In einer kapitalistischen Dienstleistungsökonomie ist das Ereignis zum EVENT transformiert (bspw. einer Lesung), einem notwendigen Element zur Selbststabilisierung. Im EVENT muss alles geordnet und kohärent zur Veranschaulichung der vollbrachten Dienstleistung (an Kultur, Wirtschaft…) dargeboten werden. EVENTS sind Rechtfertigungen. Das EVENT ist die kapitalistische Ausbreitung des Ereignisses, in dem das „Was“ präsentiert und so fassbar gemacht wird. Für den funky und mega-affektiven Philosophen Gilles Deleuze ist das Ereignis ein poetischer Gegenstand ohne Gegenstand, kontingente Sinnesreize und Daten, die sich für uns zu Erfahrungen anordnen, um so den Anschein von Festigkeit zu erzeugen. Das Ereignis vollzieht sich „durch die unendliche Geschwindigkeit, mit der sich jede in ihm abzeichnende Form auflöst“ (Heftig!). In einem Text von Jorge Borges von 1941 wird das Prozessuale des Ereignisses durch eine fiktive Welt namens „Tlön“ veranschaulicht: In dieser Welt gibt es keine Substantive, kein „Was“ – nur Verben und Adverbien. Kein Substantiv existiert in Dauerhaftigkeit, sondern in unendlicher Wucherung. Für Deleuze sind unsere Körper nicht einmal isolierte Koordinaten im Raum, sie sind nur „intensive Ordinaten“, also Linien, die sich überlagern und in einem schöpferischen Prozess als feste Begriffe von Sein verkörpern.

„upward, behind the onstreaming, it mooned“ heißt es über den Mondaufgang in Borgers „Tlön“, ohne dass der Mond als Substanz benannt wird: Er erscheint im Werden des Ereignisses. Das Event verschleiert also das unsubstanzielle Werden von sich selbst, in dem es abgeschlossene Substanzen auf der Bühne vorzeigt: Autoren, Texte, Musiker… – und doch: auch Nebel.

Und um dieser erschreckenden Charakteristik des Ereignisses auszuweichen, diesem grundlegenden Horror der Anachronie der Ereignisgeschwindigkeiten, schrieben einige Autoren, werfen die Texte aus dem Fenster und überlassen die Ereigniskonstruktion der Maschine zwischen Leser*innen und Texten – der Rest ist Schweigen.