Frühlings Erwachen:
Viel Spotlight, wenig Klarheit

Das Stück beginnt im Foyer, während die Türen zum Theatersaal verschlossen gehalten werden. Drei Schauspielerinnen steigen aus der Masse der Wartenden und skandieren mit Vehemenz, dass jeder Mensch das Recht habe, seine Sexualität auszuleben. Überraschung macht sich breit: Weiß doch jeder! Oder? Man hat die Erwartung, es werde gleich um gesellschaftlich unterdrückte sexuelle Wünsche gehen – dabei wird das später im Stück gar nicht zentral thematisiert. Da geht es um das bloße Erwachen sexueller Wünsche. Warum dann diese juristische Belehrung?

Schließlich machen uns die Figuren im Foyer in beängstigend aggressivem Ton chorisch klar, dass man nun nicht Wedekinds »Frühlings Erwachen« erwarten dürfe, sondern etwas Eigenes, und man könnte nach Hause gehen, wenn man nun enttäuscht sei. Verunsicherung macht sich breit: Warum sind auf einmal alle so ernst? Schließlich ist es gar nichts Ungewöhnliches, eine klassische Textvorlage als bloße Grundlage für ganz abwegige Adaptionen zu verwenden. Und sich so vehement von einem selbst gewählten Titel zu distanzieren, erscheint ein wenig überzogen.

Auf dem Weg zur Zuschauertribüne donnert einem ein Heidenlärm entgegen, ähnlich dem Geräusch eines startenden Helikopters. Die Spotlights sind auf die Publikumstribüne gerichtet. Bei solch schweren inszenatorischen Geschützen könnte man ein Stück über Krieg und Folter erwarten. Tatsächlich geht es aber, wie sich später herausstellt, (und dann doch ganz im Sinne von Wedekinds Vorlage), um erste sexuelle Erfahrungen und die Wut über eine von Vorurteilen erfüllte Elterngeneration.

Das ganze beeindruckende Gedöns am Anfang – inszenatorische Stilmittel in bester Manier – erweist sich einfach als übertrieben und unangemessen.

Und genau dieses Problem wird sich durch das ganze Stück ziehen. Methodisch spannende und großartige Ideen treffen auf einen Inhalt, der sich mit ihnen so nicht vereinbaren lässt.

Einige Beispiele: Geheimnisvoll wirkt es durchaus, für einige Szenen auf alle Scheinwerfer zu verzichten und nur mit Taschenlampen zu arbeiten, mit denen man ab und zu das Publikum blendet. Aber aus welchem Grund das gemacht wird, bleibt fraglich. Sind wir bei einer Nachtwanderung? Befinden wir uns in einer (symbolischen?) Höhle? Man weiß es nicht.

Einschüchternd wirkt es durchaus, plötzlich in Gebrüll auszubrechen und dabei trotzdem verständlich zu bleiben. Das ist eine schauspielerische Herausforderung und erfüllt den Raum mit Klang. Aber die gebrüllten Szenen sind zu überzeichnet und viel zu schnell collagiert, um den Gemütszustand der Figur, die unverhofft in Geschrei ausbricht, nachvollziehbar zu machen. Man fühlt sich fast in das Casting für eine Vorabendsoap hinein versetzt.

Leider vergreifen sich auch einige Szenenideen im Ton: Eine männliche Figur gesteht, sie sei verliebt, und setzt sich überraschenderweise nicht neben ein Mädchen, sondern neben einen anderen Jungen (oho!) und beide holen blinkende Lebkuchen hervor, die sie sich um den Hals hängen. Länger ist die Szene nicht. Sie besteht aus nichts, als diesem einen Homo-Witz auf Spätabendniveau. Das ist peinlich.

Sehr unschön ist auch die fingierte Beschimpfung des Lichttechnikers, der seine Arbeit nicht richtig mache („Habe ich dir nicht schon tausendmal gesagt…“). Natürlich ist das lustig, aber inhaltlich hat es mit dem Stück nichts zu tun und gehört da einfach nicht rein.

An einer anderen Stelle, schimpft eine Figur wutentbrannt das Publikum an, während es (wieder) von den Spotlights geblendet wird. Die Anklage lautet: »Dieses ständige Thematisieren kotzt mich an!« Und: »Hört auf, Euch für uns zu interessieren!« Im Publikum empfindet man eher Verwirrung als Betroffenheit. Wer ist »Euch«? Wer ist »uns«? Und wo liegt das Verbrechen darin, sich zu »interessieren« und zu »thematisieren«? Man könnte sich schon etwas zusammenreimen: Vorurteile gegenüber der Jugend, nervige Fragen durch die Eltern und so weiter, aber die vorangehenden Szenen liefern keinen stichfesten Bezug. Und ist das Problem nicht vielmehr das von Vorurteilen verblendete Interessieren als das Interessieren selbst? Würde ein Jugendlicher solche Worte wählen? So hell die Spotlights einem auch ins Gesicht scheinen, man tappt im Dunkeln.

Während der Inszenierung kommt es aber auch zu einigen herausstechenden, wunderbaren Momenten, die einen trotz der misslungenen Szenen wieder versöhnlich stimmen. So wird in zwei Szenen auf die ganze Beleuchtung verzichtet, außer auf einen parallel zur Zuschauertribüne verlaufenden Lichtstreifen in der Mitte der Bühne. Die Schauspieler sind in Schwarz gehüllt. Erst, wenn sie das Gesicht oder die Hände in den Lichtstreifen tauchen, erglühen die Körperteile in einem geheimnisvollen Orange. Ein zauberhafter Effekt, in dem (wenn man so will) die Idee mitschwingt, dass in der Pubertät der eigene Körper aus der Dunkelheit einer sexuellen Latenzphase langsam hinaustritt.

Mit besonderer Stärke brilliert auch die Schlussszene. In beeindruckendem Rhythmus und einer trotz der Verzweiflung sich zwar überschlagenden, aber nie brechenden Stimme, schreit eine Figur den Kummer über ihre Trennung hinaus, immer wieder den Kopf in einen Eimer Wasser versenkend, als wollte sie sich ertränken. In diesem Moment scheint ein authentischer Charakter mit seiner Geschichte auf. Endlich ohne gewagte Licht- und Soundeffekte, endlich ohne flache, auf den bloßen Gag abzielende Plotideen.

Ein wenig mehr davon hätte dem Stück womöglich sehr gut getan. So bleibt »Frühlings Erwachen« von KRESCH ein durchwachsener Theaterabend mit ein paar schönen Momenten.

Foto: Dave Großmann