Frühlings Erwachen:
I’m a bitch / I’m a lover

Die Bühne als Spielort ist abgeschafft. Vor dem Einlass in den Theatersaal wird im Foyer das »Recht auf freie Sexualität« mehrstimmig ausgerufen. Und dieses Recht wird von den jugendlichen Schauspielern eingefordert: Die individuelle Sexualität soll vor allem eine Angelegenheit des Individuums sein. Die Erwartungen sind gestellt: Wir erhoffen ein authentisches und freches Re-Claim der jugendlichen Sexualität – mit Seitenblick auf Wedekind.

Der Beginn ist vielversprechend: Es ist die Einstimmung eines Abhebens, man hört die Propeller eines Flugzeuges, es könnte auch Rave-Musik sein. Die Lautstärke variiert, die Halogenlampen bescheinen die Publikumsreihen. Diese Provokation wird daraufhin ästhetisch gebrochen: Im warmen Lichtstrahl des sonst im Dunkeln liegenden Saals wird Körperlichkeit, Begehren und Manipulation durch Licht- und Körperspiel faszinierend eingeführt.

Die verschiedenen Erzählebenen wechseln klug zwischen pathetischen und humoristischen Zitaten aus Wedekinds »Frühlings Erwachen«, Metadiskussionen über die Inszenierungsgestaltung, rhythmischen Zwischenszenen und ästhetischen Lichtspielen. Inhaltlich wird das Publikum aber ausgegrenzt – hier wird die Geschichte der sich isolierenden Jugendlichen erzählt. Auf der anderen Seite wird formal permanent ein Einbezug des Publikums gefordert: Sei es mit dem frequenten Einsatz des Spotlights auf das Publikum, sodass die Zuschauer mehr im Fokus stehen als die auf der Bühne Spielenden. Die Taschenlampe leuchtet uns ins Gesicht. Die Schauspieler steigen von der Bühne in die Publikumsreihen und setzen sich uns auf den Schoß.

Im Folgenden kontrastieren großartige Momente (wie beispielsweise der mechanisch sich der Musik anpassende, repetitive Tanz der sich schminkenden Mädels) mit zu vielen flachen Ideen (wie beispielsweise das Gewitzel über Homosexualität). Das lässt den Gesamteindruck des Stücks zerfallen, wie ein Album, in welchem sieben großartige Songs mit musikalischem Füllmaterial auf 14 Tracks gestreckt werden. Schade ist das.

Einiges bleibt im Ansatz, Handlungen werden nur skizziert, sodass die inhaltlichen Konsequenzen nicht zu ihrem Ende geführt sind. Was passiert denn nun beispielsweise, wenn eine Clique ein neues Pärchen missbilligt und in Facebook-Sprache eine öffentliche Rechtfertigung der privaten Sexualität fordert? Hier wird das Spannungsfeld zwischen den im Grundgesetz zugesicherten Rechten und der Lebensrealität thematisiert – um dann einfach inhaltlich stehen gelassen zu werden. So wird über Schläge gesprochen, ohne, dass Schläge fallen. Die Eskalationen bleiben aus, jugendliche Sexualität wirkt fast konservativ. Es gibt zwei Möglichkeiten, dies zu erklären: Entweder verpasst das Stück seine Chancen, radikal zu werden, und will einen therapeutischen Schutzraum aufrechterhalten. Oder die Jugendlichen wollen uns mit den aneinandergereihten Klischees den Spiegel vorhalten und zeigen: So seht Ihr uns, in diesen Klischees haltet Ihr uns gefangen. Eine bekräftigt diese Ahnung, wenn sie dem Publikum vorwirft: »Wir sind die Jugend / Wir sind die Bilder für eure Träume«. Programmatisch wird eingepaukt, »das geht euch nichts an«, also »lasst mich einfach in Ruhe«. Erwachsene sind unerwünscht – und so ist es auch nur logisch, dass die einzigen Erwachsenen – die Mutter, die ihre Tochter um deren Sexualität beneidet, und die adressierten Lehrenden und Theatermenschen – negativ typisiert werden.
Das Resumee bleibt: Das programmatisch intendierte Plädoyer für sexuelle Freiheit ist ausgesprochen, aber nicht eingehalten.

Hier steckt also Potential, das noch nicht voll ausgeschöpft wurde, und dies führt zur beurteilenden Frage: Sind die zu Beginn evozierten Erwartungen erfüllt?
Meine Antwort darauf lautet: nein. Das ist kein Spiel mit individuellen Geschichten, das ist eine brave Auseinandersetzung mit Klischees: Da ist das Mädchen, das von ihrer Trennung traumatisiert ist. Da ist das gegenseitige Anfassen.

Letztlich zielt die Produktion auf Unterhaltung, wenn beispielsweise in Mario-Barth-Manier ein Pärchen gender-bedingt über Händchenhalten redet. Wenn die bibliographischen Angaben mit imitierter Telefonsex-Stimme vorgetragen werden. Unterhaltend ist das Theaterstück. Dann stört aber der Anspruch, Sexualität neu für sich zu definieren. Denn das tut es nicht.

Foto: Dave Großmann