Frühlings Erwachen:
Halt bitte einfach
meine Hand

I Lichtspiele

Ich wollte das Stück schon gut finden, als ich mich ins Strahlen auf meinen Platz setzte und dazu dieses Geräusch, Dröhnen und Beben, wie ein Hubschrauber vor dem Start. Dinge haben Eigenfrequenzen, die man anregen kann, und dann passieren Phänomene maximaler Interferenz und alles schwingt. Ich dachte mir also, wie sehr ich mich freuen würde, wenn das Licht (BÄNG) im Publikum jetzt dann ausgehen würde, und alles würde ganz großartig sein, klug und tief und lustig und schnell, und gut aussehen dabei. Man würde vielleicht nicht »Frühlings Erwachen« geben, aber vielleicht den Spagat zwischen Stückadaptation und dem Erzählen eigener Geschichten schaffen.
Dann ging es los, glühende Körperteil-Jojos bewegten sich immer wieder ins und aus dem Licht. Yeah. Danach ein weiteres Manifest (diesmal gegen das Verstehenwollen der Jugend durch Erwachsene, siehe unten) und einige lose montierte Szenen. Vom Erkennen der Anzeichen für Suzidalität – »Irgendwie bin ich in letzter Zeit nicht so gut drauf« – über Annäherungs- und Händchenhaltversuche hin zu dieser Mutterszene. Erstere sahen so wunderschön aus, waren so lustig, waren teilweise so sehr berührend gespielt und hatten so charmante Einfälle, dass schlecht Gemachtes – inhaltlich-theatertechnisch blasses Meta-Zeugs wie das Ansprechen des Lichttechnikers, aber auch die unzureichende Thematisierung homosexueller Liebe und wiederholtes unmotiviertes Herumbrüllen – unwichtig schien.
So wunderbar, dicht, schön: Eine Taschenlampe rollt auf der sonst dunklen Bühne im Kreis. Die Szenen zwischen Esther und Niko, er will Händchenhalten und er greift ins Leere, er will Händchenhalten und sie will unters T-Shirt/fingern/ficken/andere Stellungen/du darfst auch filmen/einen blasen/auch in den Po. Ich mochte auch das zarte Rauschen durch die Raummikros, die fahrbaren Scheinwerfer für das Pornolicht und das saubere chorische Sprechen.
Ich wollte es gut finden und konnte es gut finden, aber dann ist was passiert. Nämlich diese Mutterszene. Da wurde gebrüllt und geschlagen, es ging wohl um eine Seifenopern-Konstellation mit einer noch jungen Mutter, die ihre Jugend zurück haben will. Und diese Szene, ihre Unnötigkeit, die Art des Spielens und vor allem das seltsam Unmotivierte des Plärrens, Keifens und Schlagens hat mich nicht nur nicht berührt, sondern auch nicht interessiert und sogar ziemlich genervt.
Dannach kamen noch weitere Szenen mit wunderschönen Ideen und Momenten, zum Beispiel das gegenseitige Umarmen und Festhalten, nach der Bitte zuzuschlagen, das lange, so lange Hüpfen beim Onaniemonolog und dann noch »Candy Shop« (und da freuen sich natürlich alle, immer, sehr, so sehr, vor allem wenn Jungs dazu posen und tanzen, yeah). Und die Idee des Drüberziehens von Unterwäsche, weiß auf schwarz, Verweigerung des erwarteten Ausziehens und gleichzeitige Teilerfüllung. Oder der Versuch, sich in einem Kübel zu ersäufen sah so sehr schön aus. Aber auch ein seltsamer Krampfanfall auf der Treppe, Meta-Zeugs, und diverse Kalauer, die dann plötzlich doch wichtig waren und störten und ich mich plötzlich fragte, wie sehr ich mich von der Schönheit des Lichts, der Bewegung ablenken lassen darf.

II Eine Kindertragödie, vielleicht

Frank Wedekinds »Frühlings Erwachen« ist dem vermummten Herrn gewidmet. Der vermummte Herr taucht im 1891er-Original in der letzten Szene auf und bewahrt Melchior vor dem Suizid, zu dem ihn Moritz‘ Geist verleiten will. In Peymanns BE-Inszenierung wird er von einem dieser alten großen Theater-Männer gegeben, sehr cool und fast desinteressiert kommt dieser Gott ex machina und rettet; beim Verbeugen lief er einmal unter tosendem Applaus (sonst wars eher mau, dröges Puppentheater) quer über die Bühne ohne anzuhalten oder gar zum Publikum zu gucken. (Übrigens gibt es auch eine Verfilmung mit Wilson Gonzalez Ochsenknecht, aber darüber kann ich nichts sagen, hab ich nicht gesehen und ich kenne auch niemand, der – egal). Jedenfalls gibt es bei Wedekind auch gute Erwachsene, vernünftige und einfühlsame; der vermummte Herr verspricht Melchior, ihm alles Interessante der Welt zu zeigen und ihm vorher ein Abendessen zu machen. Bei KLESCH dominiert die völlige Ablehnung der Erwachsenen und vor allem ihrer Versuche, sich Jugendlichen anzunähern. Die einzige Erwachsene auf der Bühne ist eine Mutter, die nicht erwachsen sein will, und die ist dann noch die am wenigsten differenziert gestaltete Figur des Stücks, was schade ist.
Man beschäftigte sich mit sich selbst, vor allem, und mit den Dingen, die man schlimm findet oder schwierig. BH-Kaufen und Angst haben, sich beim ersten Mal Sex zu blamieren. Ob die thematisierten, einfach und vereinfacht gezeichneten Probleme nun tatsächlich die der im Programm angekündigten »Generation Porno« sind, oder ob sie die der Gruppe sind, deren Mitglieder zwischen 17 und 23 Jahre alt sind, können wir nur mutmaßen. Und ob es wirklich eine Vorstellung und ein Wahrnehmen einer »Generation Porno« gibt, also außerhalb der Springerpresse und wirklich in den Köpfen der Generation Ü30, wissen wir auch nicht. Woher auch.
Eine Mini-Umfrage der Redaktion hat ergeben, dass man BHs mit 17 schon einige Jahre trägt, und auch das Onanieren in diesem Alter schon länger Alltag ist. Aber wir hypersexualisierten FZ-Autoren sind vielleicht nicht repräsentativ. Die in »Frühlings Erwachen« thematisierten Aspekte, der jugendlichen Sexualität einer »Generation Porno«, die Probleme der unter realen Namen agierenden Protagonisten, sind nicht neu, kein Tragödienmaterial, vereinfacht und eher aus der Erlebniswelt 14-Jähriger. Bei Wedekind heißen die Kinder. Aber woher soll man denn sicher wissen, dass man kein Kind mehr ist? Und ist das wichtig?

III Ende

Ich nehme meinen Kopf unter den Arm und gehe.

Foto: Dave Großmann