Freiheit und Demokratie,
du Wichser:
Nummernrevue für
Hartgesottene

„Freiheit und Demokratie, du Wichser!“ ist eine Kampfansage. Die Schweriner waren gekommen, um abzurechnen, und ließen so Heidi Klum und Gisele Bündchen in Flammen aufgehen.

Eins ist bei dieser Inszenierung von Anfang an klar: Das Ensemble hat keine Lust, alles vorgekaut zu bekommen, will knackige Früchte und keinen schleimigen Smoothie. Die Spieler von TaGGS wollen selber denken und nicht gedacht bekommen. Wie oft sie das aber bekommen, zeigen sie in ihrem Stück: Man sagt ihnen, wer die Guten sind (wir), welche Lebensweise die richtige ist (unsere), was wir essen sollen (Früchte aus kontrolliertem Anbau), woran man Schönheit misst (Heidi Klum), woran Erfolg (Justin Bieber), was wild ist (Drogen) und was böse (Terror). Aber die Schweriner fordern Freiheit, du Wichser, und nehmen Eurozentrismus, Leistungsgesellschaft und Medienwahn übel aufs Korn.

Da entsteht auf Laufstegkruzifix und unter Neonröhrenkreuz eine Welt, in der menschliches Lametta von der Decke hängt, H&M-Textilien mit Körperflüssigkeiten beschmiert sind, wo Jesus und Hitler Händchen hält und ein Pädagoge in Nazi-Uniform Reden schwingt. Wo man furzt, scheißt (in die Hose), masturbiert, prasst und kokst. Die Schweriner stecken die Pseudo-Role-Models Bündchen & Co. ungerührt in eine Boeing 747, lassen sie samt dieser in Stücke reißen und anschließend zur Krüppelfreakshow noch einmal über den Catwalk stolzieren. Doch obwohl sich das Ensemble mit so produktiver Zerstörungswut so heutige Themen vorgenommen hat, werden die in einer solch kaleidoskopischen Überfülle präsentiert – eine Nummenrrevue für Hartgesottene –, dass auch die ganz großen Themen unter diesem Glitzertrash plötzlich an Relevanz verlieren. Man fragt sich, aus wessen Lebenswirklichkeit da erzählt wird, wenn es um Jetset und Finanzhaie geht. Das soll nicht heißen, dass Jugendliche auf der Bühne immer „von sich“ erzählen müssen, wie es so oft formuliert wird.

Aber die Frage: Warum wird mir genau das genau jetzt von genau dieser Inszenierung erzählt, ist eine Frage, die man als Zuschauer an jedes Stück stellt, nicht nur im Jugendtheater. Und wenn da in der Schweriner Produktion ein Snuff-Porno nacherzählt wird oder das Leben plötzlich wie ein Auszug aus Jordan Belforts Memoiren klingt – dann wirkt das alles so unauthentisch und so entfernt von der Wirklichkeit sowohl des Ensembles als auch des Publikums, dass es einen merkwürdig kalt lässt. Es muss im Theater nicht um Authentizität gehen. Aber man nimmt den Spielern ihre Rundumbetroffenheit/-empörung  an diesen Stellen einfach nicht ab. Man hat das Gefühl: Es geht ihnen mehr um Provokation als um Inhalt, denn sie sind sich für kein Retorten-Tabu zu schade, machen vor keiner Grenze des Kaffeekränzchens halt und finden kein Symbol zu übertan. Provokation um der Provokation willen kann auch produktiv sein, nur wirken hier so viele Elemente so abgerückt von den Spielern, von ihrer (Medien-)Wirklichkeit, dass auch diese Provokation nicht konsequent wirkt. Wer kriegt schon einen Steifen, wenn er in die Guinness-Fabrik einbricht und Stout klaut? Und auf welcher Party gibt es heut noch Konfetti?

Die Schweriner haben sich was getraut. Wie es sich für gutes Jugendtheater gehört. Und dank des hervorragenden chorischen Sprechens und Monologen wie die Justin Bieber-Laudatio gibt es Momente und Ideen, die wirklich tragen. Nur der dramaturgische Faden war am Ende eben doch dünner als das Menschen-Lametta.

Foto: Dave Großmann