Freiheit und Demokratie,
du Wichser:
Konfetti fürs Volk

Theater als Ersatzreligion

Freiheit und Demokratie, du Wichser! bringt einen Götzen- oder Gottesdienst auf die Bühne, der schockieren soll. Dabei entwirft es ein fragwürdiges Kollektiv. Wer ist dieses Wir? „Wir sind die Guten!“, heißt es. Wir sind die Auserwählten. Wohlstandsbürger, islamistische Terroristen, Nazis. Wir beten Justin Bieber an, wir vergewaltigen Kinder, wir laufen Modenschauen. Leider bleibt das Stück seiner Liturgie verhaftet.

Die Choreographie vollzieht sich auf einem kreuzförmigen Laufsteg. Die Nähe zur Kirche ist überdeutlich angelegt. Religion ist mehr als Motiv, ist programmatisch. Es gibt einen Sprechchor, Prediger und immer wieder Konfetti fürs Volk. Das Stück wird zur Zeremonie.

Zuerst treten zwei Klischee-Islamisten auf. Sie planen ein Bombenattentat, aber mit der Frage, wie viele Jungfrauen sie dafür im Himmel erwarten, stellt sich der Zweifel an der geplanten Tat ein. Ein Wir wird den Terroristen als Chor entgegengestellt. Das sind die Opfer. Sie beneiden die Terroristen um deren Gott. Wir alle wollen Terroristen sein, wollen wieder was spüren, heißt es. Wir, das ist eine abgestumpfte westliche Konsumgesellschaft, eine Gesellschaft, die ihre Werte wegwirft. Eine Gruppe Märtyrer: Auf uns werden die Bomben geworfen, sagt der Chor, aber immerhin sterben wir für die Demokratie. Diese Geste erinnert allzu sehr an das alttestamentarische Märchen vom auserwählten Volk: Weil auf sie die Bomben geworfen werden, müssen sie die Guten sein. Der Konflikt Demokratie/Terrorismus wird zu Armageddon stilisiert und seiner Komplexität beraubt. Was das Stück nicht sagt, ist, dass Freiheit nicht Demokratie sein muss und dass Demokratie nicht immer gut ist. Stattdessen folgt eine Collage, in der konventionelle Werte wie Religion, Wohlstand und Liebe ihres Sinns entleert werden.

Gott ist tot. Das Wir sucht eine Ersatzreligion. In einer Szene gibt es eine Predigt auf Justin Bieber. Drei Darsteller frönen einem Götzendienst. Die Spieler küssen und lecken Justins Maske. Ersatzreligion wird Ersatzbefriedigung. Wie alle Szenen bricht auch diese abrupt ab. Sex bringt keine Befriedigung mehr. Er wird pervertiert vom Fetisch zur Vergewaltigung. Die Heilssuche zieht sich orientierungslos durch das ganze Stück. Bald ist es die Glamour-Welt der Mode, die heraufbeschworen wird, bald der Nationalsozialismus. Jetset, Drogen, Geld – zurück bleiben versprengte Individuen. Eine der Figuren reduziert den Sinn ihres Daseins auf „Geld und Abspritzen“. Das Publikum ist nicht nur im Schlussapplaus Teil der Liturgie. Zuletzt werden ihm zwei Götter präsentiert: Jesus und Hitler stehen Hand in Hand auf der Bühne.

Es ist egal, wer oder was angebetet wird, solange die Anbetung besteht, besteht auch der Glaube. Der christliche Philosoph Blaise Pascal schreibt: „Knie nieder, bewege deine Lippen zum Gebet, und du wirst glauben!“ So funktioniert auch dieses Stück. Wer an die Bilder dieses Stückes glauben will, findet darin die Provokation, die er sucht. Wirklich provokant ist Hitler neben Jesus nicht. Aber zumindest zum Nachdenken provoziert die Entschiedenheit, mit der die Inszenierung sich selbst als sinnentleertes Zeremoniell darstellt und so die Frage nach dem Zweck von Theater aufwirft.

Foto: Dave Großmann