Fragmente aus der Zukunft

In „Uncanny Valley“ versucht sich Schrit_tmacher GENERATION2 Co-Laboration an einer Anordnung zum Thema Digitalität und ihres Einflusses auf den Menschen. Ein Vorhaben, das auch auf ästhetischer Ebene äußerst glückt.

Irgendwann in einer nah-fernen Zeitlichkeit; irgendwo in einem unklar zu fassenden Raum: zwei Körper bewegen sich aufeinander zu. Langsam, aber bewusst. Bestimmt, aber zärtlich. Achtsam und miteinander harmonierend. Es hat den Anschein, als seien hier in der Unendlichkeit zwei Planeten aufeinandergetroffen. Nun kreisen sie – von futuristischen Klängen angetrieben – umeinander herum. Alles andere vergessend, einander festhaltend, Schutz gebend.

So stark beginnt die choreographische Erforschung eines digitalen Kosmos in Uncanny Valley. So voller kooperativer Eintracht, ewig rotierender Liebe, dass zunächst Nichts an ein unheimliches Tal erinnern möchte. Im Gegenteil: Sehr gerne schaut man dieser Duo-Formation bei ihrer contact-improvisatorischen Annäherung zu und scheint, den eigenen Blick in den weichen Bewegungen verlierend, jegliches Bewusstsein über Ort und Zeit zu vergessen.

Erst ein Lichtwechsel und das Dazukommen der vier weiteren Tänzer*innen reißt eine*n aus der anfänglichen Körper-Planeten-Schau heraus und richtet den Blick nun auf die Gruppe. Auf das Kollektiv, welches in seinem Kooperationsgedanken Vieles aus der Anfangssequenz dieser Choreographie weiterträgt. Es ist ein starkes Kollektiv, das in seiner Bewegungsvielfalt, sowohl leise, wie auch energetische Dynamiken annehmen kann.

In ihrem Zusammenspiel entdecken diese sechs Körper fortan zahlreiche Erkenntnisse über Digitalität – sei es der Biss in einen Apfel der Erkenntnis, der zur Erfindung der Elektrizität beiträgt oder der gänzliche Kontrollverlust über den eigenen Realkörper, aufgrund einer Fixierung auf das nicht greifbare Digitale: Stets changiert der Bilderreichtum dieser choreographischen Inszenierung zwischen glückseligen und dystopischen Fragmenten, was letztlich zu einem gelungenen Gleichgewicht an Emotionen und Perspektiven auf das Thema Digitalität führt.

Zugleich besticht diese, durch den Choreographen Lin Verleger angeleitete, Arbeit durch eine sehr intelligente Übersetzung von Folgen des digitalen Fortschritts in körperliche Abläufe. Man denke da zum Beispiel an sich wiederholende Rotationsbewegungen oder sich geometrisch anordnende Körper, die, auf eine sehr poetische Art und Weise, die Einnahme des eigenen Körpers durch digitale Kräfte aufzeigen – ohne dabei zu erklärend oder gar moralisch zu werden.

Gleichzeitig überrascht es, wie es der Schrit_tmacher GENERATION2 Co-Laboration gelingt, mit sehr wenigen und einfachen Bühnenmitteln diese zahlreichen Blickwinkel auf Digitalisierung zuzulassen. Besonders intelligent wird dabei zum Beispiel mit dem Mittel des Lichts gearbeitet: Die fast vollständig leere Bühne wird aus abwechselnd unterschiedlichen Winkeln so beleuchtet, dass sich ganz mannigfaltige Ebenen und Flächen des Seins und Sehens eröffnen. So zeichnet eine, in der Mitte der Bühne leuchtende, Glühlampe das Bild eines digitalen Knotenpunktes, unter welchem sich die sechs Tänzer*innen, wie ein Schwarm, staunend versammeln. Zugleich durchflutet sie den Raum mit einem warmen Gelbton und versetzt ihn dadurch in eine andere Zeitlichkeit – etwa indem die Assoziation eines anderen Planeten, den die tanzende Formation zu erforschen bestrebt ist, erweckt wird.

Ästhetisch besticht Uncanny Valley folglich durch eine Vielfalt an Bildern, die sich auch auf der inhaltlichen Ebene spiegelt und gerade durch den Ausgleich von positiven, wie negativen Facetten des digitalen Fortschritts Interesse weckt. Nicht zuletzt tragen dazu auch die sechs Tänzer*innen bei, welche mit einer unglaublichen Energie und Präzision den Raum ihrer Feldforschung öffnen und das Publikum an ihrer fragmentierten Welt teilhaben lassen.

… Und am Ende co-existieren sie auf der Bühne mit einem Schwarm elektrischer rotierender Ungeziefer. Wieder halten sich die Emotionen die Waage, wieder sehen wir beide Seiten der Medaille: Einige der Tänzer*innen finden in den kleinen Plastik-Tierchen neue Spielpartner*innen, andere stehen unbeseelt im Raum herum. Neben den summenden Kakerlaken summt jetzt plötzlich auch eine Frage gedanklich umher: Wie weit wollen wir uns dem digitalen Fortschritt hingeben?

„Uncanny Valley“ – Schrit_tmacher GENERATION2 Co-Laboration
Besetzung
Von und mit: Ronja Luka Bellhoff, Femke Brons, Sharon Habets, Maria Isabel Luege Marvan, Mohamed Ben Salah, Jerome Schickschneit
Künstlerische Leitung / Choreographie: Lin Verleger
Physical Rhythm: Jimi Renfro
Komposition: Marie-Christin Sommer, Ophelia Sullivan
Licht: Maud Wedick, Emma Zaalberg
Kostüme: Lin Verleger
Produktionsleitung / Dramaturgische Begleitung: Yvonne Eibig