Fluch der Hoffnung:
more matter
with less art, bitte

Es sah so sehr wunderschön aus, wie das Wasser in seiner Plexiglaskiste schwappte. Oder wie Flitter in der Asche glitzerte. Oder wie der Nebel erst wellenschlagend in den Beutel gepustet wurde und später heruntersank, das Nebelkissen ausbeulte (wie sehr es anders aussieht, auf Nebel oder nur auf Plastikmembran zu projizieren). Oder wenn Menschen zu Wänden mit Lavabos dran wurden. Oder wenn der expressionistische Film wiederaufersteht. Oder als diese verschiedenen Kisten, Särge, Aquarien im Kreis und durch den Regen getragen wurden. Und dann dies grandiose schwarze Kleid, überhaupt diese ganzen grandiosen Kostüme.

Es sah so sehr schön aus. Klar und zeitlos und wandelbar und aufgeräumt und cool und all sowas, und ich hab mir am Anfang gedacht, juhu, da macht mal wer politisch engagiertes Theater, aber ohne eigene Geschichten und abstrahiert und theatral gedacht. In voller Ausschöpfung aller Mittel. Engagiert, aber nicht so sehr betroffen, dass das die Reflektion gefährdet. Gemetaebnet mit vielen »sagte Gale«. Und dann stellte sich noch heraus, dass sie spielen können, chorisch sprechen und marschieren und alleine sprechen und Räume aus Körpern bilden.

Es war, wie gesagt, so sehr schön. Es war so sehr schön gemacht, dass es mich einlullte, dass ich zuguckte wie bei einem Zauberer im Varieté. Bei Zauberern im Varieté ist es so, dass sie sehr schnell sein müssen, damit man nicht dazu kommt, nachzudenken und zu verstehen, wie der Trick funktioniert. Aber gestern hat man zum Nachdenken dann doch ziemlich bald zu viel Zeit gehabt: in den Blacks, als zu dem Film Sprachteppiche mit vielen Luftmaschen gewebt wurden und vor allem kurz vor Schluss, als es dann bei Kuchen doch noch statt zeitloser, abstrakter Gale-Geschichte betroffen biographische Schnipsel, Appelle und sonstiges Gutmenschentum gab. Ich habe mich sogar geärgert, dass man an dieser Stelle keinen Mut hatte, sich auf die Kraft der Parabel und die Möglichkeit von Transfer-Denken des Publikums zu verlassen, sondern versucht hat, mich mit realen, eindeutigen Geschichten und einfachen kapitalismuskritischen, militärkritischen, gesellschaftskritischen Positionen zu überzeugen. Die formulierten Positionen waren nicht so sehr neu, intim, tief, komplex recherchiert, wie ich es mir gewünscht hätte.

Ich habe also angefangen nachzudenken, und es gab nicht genug zum Nachdenken und ich habe wieder nur geguckt. Das wurde aber dann irgendwie auch fade, weil Schönheit allein eben nicht reicht.

Dagegen die Wucht der Idee des Totenschiffs. Die Wucht des perfekten Bildes. Der Schrecken der Vorstellung, dass das Hoffen ein Problem sein könnte. Der Schrecken von Krankheit, Tod, Sklaverei, Maloche, Heimatlosigkeit, Illegalität. Das Beinahe-Erreichen von Unendlich der Parabel. Die Enden der Parabel.

Foto: Dave Großmann