Fluch der Hoffnung:
Money Money te salutant!

Media in res: Ein durchschnittlicher amerikanischer Seemann verpasst die Abfahrt seines Schiffes, ebenso wie ein Schüler am Montagmorgen den Beginn der ersten Stunde oder ein FZ-Redakteur den Start des Teamtreffens verpassen könnte. In einem Augenblick der Unaufmerksamkeit gleitet das eigene Leben aus der Hand. Das ist die Geschichte des Gale, der sich ohne identifizierende Papiere wiederfindet im Transaktionszustand, in dem er wie Geld, Essen, Waffen zwischen Grenzen, Institutionen und Ständen hin- und hergereicht wird. Der unerbittliche Antrieb, die verselbstständigte Maschinerie der Tragödie wurde nicht dadurch in Gang gesetzt, dass die Gesellschaft Gale für verloren erklärt, sondern dadurch, dass Gale sich selbst für nicht verloren erklärt. Auf Grundlage von B. Travens »Das Totenschiff« erzählt das Ensemble Rheinische Rebellen 2.0 aus Köln den Fluch der Hoffnung. Eine Geschichte, die sperrig scheint, da sie aus einem vergangenen Jahrhundert von nicht erlebten Erfahrungen erzählt. Dennoch ist diese Geschichte erzählenswert. Weil sie uns kompromisslos an die Grenzen der Existenz führt. Es ist auch nicht nötig, dass uns erklärt wird, weswegen uns Gale angeht. Denn die Idee, eine über die Politik hergestellte Aktualität zu erzeugen, wirft dem Zuschauer zum einen Politiklosigkeit vor. Zum anderen dient es einer reißerischen Funktion, ausschließlich Missstände aufzuzählen: dass Papierlose gemeldet werden müssen, dass aus Angst vor Abschiebung, Krankenhausbesuche vermieden werden, dass Mütter ihre Kinder vormittags mit Kartenspielen beschäftigen, da Schulbesuche nicht möglich sind.

Das Spiel an sich schwankte zwischen Ensembletheater und Charakterdarstellern. Bilder von großartiger Ästhetik entstanden immer dann, wenn die Schauspieler ihre Stimmen und ihre Körper ganz dem Stück opferten. So schleppen die Akteure sinnlos Kisten im nicht endenden Arbeitskreis über die Bühne. So wäscht sich die Figur Gale sein Gesicht im Waschbecken, das aus den Armen eines anderen Schauspielers für diesen Zweck entsteht. Die Flexibilität und Mobilität der Szenen ist unterhaltend und exakt getaktet – zum eigen produzierten Rhythmus bewegt sich das Ensemble: eine aufeinander abgestimmte Einheit. Dann wieder zerfällt der Eindruck. Ironischerweise immer dann, wenn eine einzelne beeindruckende Performance sich nicht mit vorhergehenden Leistungen messen kann, beispielsweise als Stanislaw Gale einführt in das Asche Ziehen und in der selbstbewussten Verzweiflung eines Totgeweihten gegenüber des Ingenieurs sein Arbeitstempo spuckend rechtfertigt. Dass die Oberfläche dieses Theaterstücks auf Hochglanz poliert ist, wird überdeutlich: Es besteht die Möglichkeit, durch einen einzigen Effekt sowohl aufziehenden Meeresnebel zu imitieren, das Publikum olfaktorisch in das Stück (mehr oder weniger intendiert) zu involvieren, eine Zwischenwelt zwischen den Lebenden und Toten zu evozieren und darüber hinaus auch eine Leinwand herzustellen für den Kurzfilm. Dabei ist die Technik mehr oder weniger nötig, um die Geschichte zu erzählen – und die konstante Nutzung der Gegebenheiten lässt leider die Kritik zu, dass die Bühne hier zum Spielplatz wird und nicht primär Ort einer Inszenierung.

Eine Rezension, die ebenso à la »Spotlight ein, Spotlight aus« formuliert wäre, würde lauten: Präzision. Körperspannung. Episch. Ästhetisch. Geld. Ach, ihr glücklichen Gladiatoren des Theaters!

Foto: Dave Großmann