Fluch der Hoffnung:
In Grenzenlosigkeit gefangen

Man hatte zu schauen: Gestern, das war ein Stück für die Augen. Angefangen beim genialen Bühnenbild, mit Nebelmeer in Plastik und Containern als Lebens- und Arbeitsraum, bis zu den Kostümen, die von verzweifeltem Schwarz über jenseitiges Weiß bis hin zum toten Grau mäanderten. Der Abend schwamm nur so dahin.
Erzählt wurde die Geschichte des Gale, ein Staaten- und Sinnloser, der schließlich versinkt auf dem Totenschiff. Durch einen unglücklichen Zufall ist Gale gestrandet in Antwerpen, sein Schiff nach Hause hat abgelegt, an Bord das einzige Zeugnis seiner Identität. Ohne Papiere wird er zu einem Toten, denn offiziell ist er nicht mehr geboren. So landet Gale schließlich auf der Yorrike, dem Totenschiff. Dort arbeiten die, für die sich niemand mehr zuständig fühlt, die lebendigen Toten. Menschen, die in einem Gefängnis sitzen aus Unzugehörigkeit, Identitätslosigkeit, Grenzenlosigkeit. Es gibt kein Entkommen aus dieser Arbeitshölle namens Yorrike, also wird die Hölle zum Paradies. »Warum ist der Mensch Sklave? Weil er denken kann.« Das unterscheide ihn vom Tier.

Mit seiner Kapitalismuskritik erzählt das Stück uns erst einmal nichts Neues. Wunderbar illustriert kommt sie zwar daher, die Sinnlosigkeit der Arbeitsfiktion: Wenn dann plötzlich alle Gales sich in einem Arbeitstanz im Kreis bewegen, begleitet von Tocotronics »Im Zweifel für den Zweifel«. Doch ihr fehlt Persönlichkeit, Perspektive, Politik. Inwieweit berührt das Thema seine Darsteller überhaupt?

Es gab Momente gestern, da schien alles zu stimmen. Und derer viele. Technisch bewegte sich die Inszenierung auf hohem Niveau. Die Leistung und das Talent, das dahintersteht, ist anzuerkennen. Die Darstellung des deindividualisierten Gale durch ein ganzes Ensemble ist dramaturgisch wie schauspielerisch gelungen.

Doch im Theater geht es immer auch um das Neue. Interessant hätte es werden können, als die Geschichte des Gale am Ende aufgebrochen wurde. Plötzlich sprach da Olga aus Bulgarien; Menschen aus der Türkei, der Ukraine, aus Ghana und Somalia. Ein zaghafter Bogen wurde versucht aufzuspannen zwischen Fiktion und Realität, zwischen damals und heute, zwischen hier und dort.

Trotzdem bleibt die Realität seltsam fremd, zu ästhetisch die Bilder, zu schön der Matrosenstummfilm, die alte Oma-Garnitur und der Käsekuchen. Es ist eindeutig zu erkennen, dass sich hier jemand beschäftigt hat: mit dem Thema der Menschlichkeit, der Identität, der Illegalisierung. Unklar bleibt, inwieweit es diesen jemanden auch emotionale beschäftigt und berührt hat. Der Druck, den wir an anderen Abenden schon auf der Bühne gesehen haben, diese persönliche Relevanz, bleibt aus. Oder wird vielleicht erdrückt von Nebelschwaden oder Regengüssen.

Foto: Dave Großmann