Fluch der Hoffnung:
Gale in allen Figuren

Wenn Gale in B. Travens Romanvorlage »Das Totenschiff« noch keine Legende geworden ist, dann im Theaterstück »Fluch der Hoffnung« der Rhenischen Rebellen. Er ist ein Seemann, der in Holland seine Papiere verliert, und hoffnungslos verloren geht. Verloren in einer Welt, die trotz aller Raubeinigkeit längst bürokratisch erkaltet ist: Ohne Pass ist Gales ausgeliefert, er ist ein Niemand und ein Nichts. Die ganze schmierige, ölige, rostige Pracht eines Hafens wird auf der Bühne lebendig, mit grobschrötigen Kerlen, leichten Mädels, lumpigen Kleidern, brackigem Wasser, Gepöbel und Geprügel.

Die Inszenierung tut alles, um Gales Geschichte über die bloße Erzählung einer Einzelfigur in einem fixierbaren historischen Setting hinaus zu heben. Gales spricht durch alle Figuren, sein Geist erscheint mal in diesem, mal in jenem Schauspieler. Und immer wieder wird das Schauspiel durch Einschübe wie »sagte Gale« oder »sagte der Ingenieur« unterbrochen. Das reduziert den Illusionsraum nicht auf eine distanzierende Verfremdung, sondern erweitert ihn, öffnet ihn in eine neue Richtung: Man hat das Gefühl, an einer mythisch anmutenden Legende teilzuhaben, die wieder und wieder passiert, die zeitlos ist.

Manche Szenen wiederholen sich in Variationen (so wird Gale z.B. mehrfach beim Versuch erwischt, die Grenze zu Belgien zu überqueren), an vielen Stellen schimmern griechische und römische Zeitebenen auf (z.B. durch antike Sprechchöre oder durch die Erwähnung von Gladiatoren). Dann flimmert plötzlich ein Schwarzweiß-Film im Stile der ersten Horror-Stummfilme auf, in dem weitere Gale-Alteregos erscheinen, denen die Schauspieler in einer Live-Synchro Worte in den Mund legen. Und sogar im Film slebst schimmern für Sekundenbruchteile weitere Figuren wie geisterhafte Erscheinungen auf.

Mit schauervoller Intensität wird deutlich: Gales Geschichte – die eines aus dem System gefallenen Herumtreibers, der versucht, wieder den Boden unter den Füßen zu gewinnen – zittert und geistert durch alle Vorstellungsräume, durch alle Medien und durch alle Zeiten. Das heißt folgerichtig: Gales Geschichte muss auch in der Zukunft wirken. Unwillkürlich kommt die Assoziation auf, dass man sich heute nicht anders als Gale in einem repressiven, bürokratisierten System mit viel Pech und ein wenig Missmut in einer ganz ähnlichen Krise wiederfinden könnte.

Diese Zeitlosigkeit in der Erzählung von Gales Schicksal ist das stärkste Moment der Inszenierung. Leider schien gegen Ende des Stücks dann doch die Angst zu groß gewesen zu sein, dass diese Mehrbödigkeit zu subtil geblieben ist. In einem plötzlichen Bruch verändern sich Licht und Setting, die Seemannswelt weicht einem spießbürgerlichen Wohnzimmer, und die Figuren erzählen in Zitaten von den Problemen deutscher illegaler Migranten unserer Zeit. Sie erzählen von der Angst, zum Arzt zu gehen, der Angst vor Behörden, der Ernüchterung, nach gelungener Flucht nach Europa ein Leben als Außenseiter führen zu müssen. Es fallen auch Sätze wie »Ich habe Angst, jeden Tag« und »Olga weint, als sie davon erzählt«. Was die ganze Zeit als latente Ebene in der bildstarken Inszienierung mitschwang, wird auf einmal manifest gemacht, mit einer Explizitheit, die alle Subtilität zerschlägt. Was bisher geheimnisvoll und unheimlich auf etwas Zeitloses verwiesen hat, wird dem Zuschauer plötzlich in klaren Worten – sogar vorwurfsvoll – ausbuchstabiert.

Das mag schade sein, beraubt die Erinnerungen, die man nach Ende des Stücks mit sich trägt, aber nicht ihrer Suggestivkraft und Bildgewalt.

Foto: Dave Großmann