Fluch der Hoffnung:
Einfach mal zu hoffen aufhören!

Eine Geschichte gut erzählen zu können, sei eine Gabe, hieß es gestern in der Produktion der Rheinischen Rebellen 2.0. Eine Gabe, die das Kölner Ensemble ganz offensichtlich besitzt, denn zu Anfang ihres Stückes erzählen die Rebellen gekonnt die Geschichte von Gale, dem amerikanischen Seemann, der zu einem Niemand wird, weil er sein Schiff verpasst, das Schiff, an dessen Bord sich seine Seemannskarte befindet: »Ich hatte keine Papiere, eine Wohnung hatte ich nirgendwo auf der Welt. Ich war ein Niemand.« Die Kölner behaupten das Gegenteil: Bei ihnen ist jeder Gale, seine Figur wird auf das gesamte Ensemble aufgesplittet, wodurch deutlich wird – jeder kann zu Gale werden, in einer Welt, in der nur Papiere unsere Existenz beweisen. Der Konsul hält Gale vor: »Die Tatsache, dass Sie hier vor mir stehen, ist für mich kein Beweis, dass Sie geboren sind.« Einer der nicht lebt, ist ein Toter, und so kommt Gale auf das Totenschiff Yorikke, und ab da beginnt für ihn eine Reise durch Zwangsarbeit und Verzweiflung.

Das Ensemble erzählt in überwältigenden Bildern von Gale und seiner Reise, dank des fulminanten Bühnenbilds (wunderbar: Nebel-Segel und Rechteck-Regen), den starken Stand- und Bewegungsbildern der Spieler und dem grandiosen Matrosen-Stummfilm, der in schwarz-weiß auf das gesetzte Segel projiziert wird. Man möchte sich ganz hingeben diesem stimmigen Gesamtbild, nur – ist Optik eben nicht alles. Das Ensemble wollte B. Travens Roman »Das Totenschiff« mit dem Hier und Heute verweben, als Parabel auf all die Heimatlosen und Grenzüberschreiter unserer Gesellschaft – auf die Lebenswirklichkeit von so genannten Menschen ohne Papiere, so genannten illegalen Zuwanderern. Und auch wenn dieser Versuch zunächst zu gelingen scheint (siehe oben), gerade durch eine gewisse Zurückhaltung und gleichzeitige Unverschlüsseltheit, scheitert er dann doch an einer gewissen gefährlichen Oberflächlichkeit. Die Spieler fragen, wie Sklaverei möglich sein kann oder Militärdienst. Warum man nicht Selbstmord begeht, anstatt solche Situationen zu ertragen. Es gebe Tiere, die sich eher hinlegen und sterben, aufhören zu fressen, als sich knechten zu lassen. Das Ensemble behauptet damit, Tiere ließen sich nicht versklaven; aber ganz abgesehen davon, dass wohl nicht sicher sein kann, ob man diese Frage überhaupt beantworten kann, ist es doch erstaunlich, dass man, wenn man an Massentierhaltung, Tierversuche oder Fälle in Tierheimen denkt, ausgerechnet zu diesem Schluss kommt. Der entscheidende Unterschied ist laut den Kölnern der altbekannte: Der Mensch lasse sich versklaven, weil er denken kann. »Weil er sich die Hoffnung denken kann. Das ist ein Fluch und keine Hoffnung.« Und deswegen findet der Mensch sich in sein Schicksal. »Auch die Galeerensklaven haben Stolz. Sie haben den Stolz, gute Galeerensklaven zu sein.« Und machen damit das System der Unterdrückung nicht nur möglich, sondern auch lukrativ. Sind sie also selbst schuld? Sollte der Mensch einfach mal zu hoffen aufhören? Selbstmord begehen?

Die Schuldfrage klingt ganz anders, wenn die Spieler sich auf keinem Schiff mehr befinden, sondern in einem staubig-antiken Wohnzimmer und Kuchen verteilen. Da machen sie dann nämlich den Bezug zum Heute – leider – explizit. Geschichten werden erzählt, von Zuwanderern, die nichts haben als ständige Angst – kein Zuhause, keine Arbeit, keine Zukunft. Man hätte sich gewünscht, dass die Kölner ihrem Publikum zugetraut hätten, ohne diesen Erklär-Bär auszukommen, denn Erkenntnis bringt dieses Realitäts-Intermezzo nicht, im Gegenteil. Deutschland sei das einzige EU-Land, in dem illegale Zuwanderer strafrechtlich verfolgt würden. Dass es aber auch zu den EU-Ländern gehört, die jedes Jahr am meisten Migranten aufnehmen (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung), erwähnen sie nicht. Sie haben natürlich Recht: Schlimm sind die Dinge, von denen sie erzählen, und schwerwiegend. Aber auch komplex. Und man kann kein politisches Stück machen, ohne dem Rechnung zu tragen. Wir seien ja froh um die ganzen Illegalen, denn sie versorgten unsere Kinder, unsere Alten, machten unsere Drecksarbeit. Und wenn man keine polnische Putzfrau ausbeutet? Wie kann man dann in diesem letzten Appell noch an das, was auf der Bühne passiert, anknüpfen? »Wir glauben nicht an eure alten Gesetze. Denn wir sind neu. Und wir sind beweglicher als ihr. Ihr seid von gestern.« Wer sind sie? Wer sind wir?

Man hätte sich mehr erhofft. Mehr Reflexion, mehr Differenziertheit. Aber so ist das ja mit dem Hoffen, das haben wir gestern gelernt. Genau da lag der Fehler.

Foto: Dave Großmann