Fleisch:
Von den Kriegen,
die wir alle führen,
und von einer großen Party

Ein weißer Raum ist ein Raum, in dem alles passieren kann. In dem jede Geschichte erzählt werden kann. Drei weiße Wände, Türen, Fenster, ein weißes Klavier. Und dann sechs Spieler in Jeans, Stiefeln; Parker, weiße Shirts, auf denen steht: I am not the masses. Ein Spieler sagt später: »Ich bin nicht die Masse/ die Masse ist unbekannt. Sie ist gefährlich/ weil ich die einzelnen nicht erkennen kann.«

Die Spieler vom Jugendtheater der Volksbühne Berlin (P14) wollen in ihrem weißen Bühnenraum von Fleisch erzählen, irgendwie. Vom Nicht-mehr-Mitmachen. Von Krieg. Denn Krieg gehört zu den »wichtigsten Erfindungen« des Menschen. In ihm ist der Mensch »lebendes Fleisch und Schlächter zugleich.« Und die Produktion FLEISCH erzählt nicht von irgendeinem Krieg, sie erzählt von jedem Krieg, denn wie der Untertitel des Stücks verrät: »Ich bin ich, du bist du, und es geht schlecht.« Es geht um den Krieg, den jeder von uns täglich führt, jeder an seinen eigenen Fronten, in seinen eigenen Schlachten. Eine Mädchen, das so sein will, wie es sein soll: Wie soll ich lächeln? Wie soll ich meine Haare tragen? Soll ich sprechen oder schweigen? Wie gefalle ich dir? »Dass ich das Gefühl habe, mich in dir zu verlieren, das ist Krieg.« Einer, der sich nicht von seinem Vater lösen kann: »Warum stehst du eigentlich noch hier? Hab ich dich nicht schon tausendmal umgebracht?« Er kriegt ihn nicht aus Kopf oder Herz: »Das ist Krieg, dass du da noch drin bist, obwohl du da gar nicht hingehörst.« Einer, der einfach mit den anderen hadert: »Dass ich allein nicht leben kann, ihr mir aber gleichzeitig Angst einjagt, ist Krieg.« Eine, die kein Ding sein will: »Dass ich ein Objekt bin, ist Krieg.«

Das Ensemble von P14 verwebt unterschiedliche Geschichten, unterschiedliche Identitäten miteinander und erzählt dabei nicht nur von sich selbst, von seinen Figuren, sondern auch von einer Gesellschaft, in der man sich verorten muss, zwischen Massenmedien, Kulturapparat und Lifestyle-Fragen, samt poststrukuralistischen Cafés und Réné Pollesch. Und dabei muss man anscheinend immer wieder in die „Schützengräben [seines] Alltags“ hetzen, weitermachen, durchhalten (»Wir ertragen’s!«), bis man dann doch – vielleicht immer wieder – an dem Punkt ankommt, an dem man sagt: »Ich mach nicht mehr mit!« Und das kann gelingen: »Ich habe die Gedanken im Meer versenkt, letzte Nacht.« Damit schafft P14 ein Stück, das zwischen Sturmfeuer und wässriger Hoffnung oszilliert, in dem die Figuren nur nach einer Art suchen, »[sich selber] zu begegnen«, egal, ob sie dabei immer verstanden werden oder nicht: »Diesen Krieg kann nur ich führen, weil nur ich weiß, was er bedeutet.« Es geht um Individualität, um Nicht-die-Masse-Sein und Doch-gar-nicht-anders-Können, irgendwie. »Ja, das ist doch die Hoffnung: dass ein paar nichts verstehen, von dem, was sie eigentlich verstehen müssten.“

Das Ensemble erzählt all das in einer ganz eigenen, bemerkenswert poetischen Sprache, in immer neuen Bildern, mit immer neuen Einfällen und Zeichen, und arbeitet damit auf Hochtouren gegen jede Möglichkeit der Langeweile, der Berechenbarkeit, aber auch immer an der Grenze zur Überforderung des Zuschauers. Man ist – sozusagen – im Dauerbeschuss durch Bilder und Meta-Ebenen, das ist ein Schwall, ein Schlag, ein Overkill. Und dann bleibt eben auch manchmal keine Luft mehr, um zu überprüfen, was da auf der Bühne denn tatsächlich passiert, was da wirklich gesagt wird. »Die Zeit ist eine große Party, auf der nichts passiert außer Zeit« – ist das Poesie oder Nonsens? Man ist unentschieden, immer wieder, aber am Ende speist sich aus diesem Blind-um-sich-Schlagen des Ensembles natürlich auch die besondere Kraft der Produktion, die dann trifft. Auf dem Schlachtfeld, zum Beispiel.

Egal ob Regenwurm-Pantomime oder slow-motion-Emotion – die spielerische Leistung des Ensembles überzeugt tatsächlich in jeder Minute des Stücks. Keinen Moment werden Gestik oder Mimik privat; die Spieler arbeiten auf den Punkt, unter Spannung, sie sprechen gut, sie bewegen sich gut, und das die ganze Zeit. Ist das nicht großes Theater? Zumindest schrappt P14 hartnäckig an dem Marmorschild, auf dem das Wort »Professionalität« eingraviert ist, in gold oder so. Und sei es nur in kleinen Momenten wie in den Blacks, denn da beweisen sie, durch Körperspannung und durchdachte Abläufe, dass sie verstanden haben – und das ist nicht selbstverständlich -, dass Blacks zwar Blacks heißen, man da aber gar nicht wirklich unsichtbar ist, sondern immer noch gesehen werden kann.

Großes Theater hin oder her, was heißt schon groß, fest steht: P14 hat gestern etwas Besonderes gezeigt. Ein sehr genau gearbeitetes, immer wieder packendes und sehr poetisches Stück Befindlichkeitstheater. Und das überzeugt – denn Befindlichkeiten haben wir eben alle.

Foto: Dave Großmann