Fleisch:
Mein Name sei Fatzer

I Wie ein fliehender Uhu

P14 macht Dinge, von denen können wir anderen oft nur träumen.
Sie können tanzen, sind überhaupt auf die besten Partys eingeladen, und haben die chicste Bühne und Tiere, fast echte, darauf. P14 kann gleichzeitig sprechen und so sehr gut aussehen und marschieren und mit Pollesch Kaffee trinken müssen und immer wieder zu Boden fallen und Klavierspielen und überhaupt spielen und alles.

P14 kann über Minuten die Welt im Stroboskop flirren lassen, was weh tut, aber gut ist, weil es läutert. P14 kann so dichte Bilder bauen, dass sogar ttj-Menschen ein wenig ruhiger und viele sogar fiebrig und gespannt und bedrückt und berührt guckten. P14 kann weiße Kuben füllen bis zum Rand. P14 kann ein zuckender Haufen Leiber sein. P14 kann Theaterstücke mit einem Schuss beenden und ironisch nebeln und denken machen und über Faultiere aufklären.
Wie wunderbar, das alles.

II War ist over / if you want it

P14 kann Brechts (unvollendetes, minderbekanntes, unaufführbares) Fatzer-Fragment aufführen. Darin geht es um einen Johann Fatzer, der ein Egoist, WWI-Deserteur und Fleischbeschaffer ist, aber verwendet wird, was gefällt und interessiert, nämlich Krieg und die (Ablehnung der) Idee des Massenmenschen (Fatzer hasst sie, stirbt dann aber an seinem Individualismus-Kult). Das sind Dinge, die wirklich zählen, in Berlin-Mitte und woanders, anno 2012 und immer.

Übertragen wird das Motiv Grubenkampf des ersten Weltkriegs auf Kriegsschauplätze des Erwachsenwerdens und -seins, wie das diffuse Unbehagen, das einen im großen Feier-Vergnügen manchmal ereilt, oder wenn ein Vater nie sagt, dass er einen liebt oder wenn man sich trennt. In Monologen gibt es von jedem Darsteller eine Befindlichkeit zu hören, die dann doch vor den ironischen, abstrakten, furios zusammengeschnittenen Kriegs- und Waldbildern und deren großer, so großer Wucht plötzlich seltsam wenig schwerwiegend schienen. Die Frage ist dann natürlich, wer sagen kann, was richtiger und relevanter Krieg ist; wahrscheinlich ist es einfach dieses Wort, das stört. »Krieg«, mein ich. Weil Krieg ist anders.
Vielleicht ist Poststrukturalismus in Berlin-Mitte Krieg, vielleicht explodiert Poststrukturalismus am Hermann-Platz zu Schrapnellsplittern, vielleicht ist alles Krieg, und dann hat P14 Recht, und man muss irgendwie mit allem aufhören, weil we‘re not the masses. Aufhören, mitzumachen und aus dem Poststrukturalismus desertieren.
Der Rest ist Fatzer.

Foto: Dave Großmann