Fleisch:
Facebook, fressen, fernsehen

Ein weißer Raum. Ein weißes Klavier. Ein weißer Stuhl. Und Krieg.
Der Mensch der Moderne, vereinsamt in der Masse.
Der Mensch der Moderne, in eine Welt geworfen, die keine innere Kohärenz mehr zu haben scheint.
Der Mensch der Moderne, selbstentfremdet und überfordert.

Eine Thematik, die nie an Aktualität zu verlieren scheint, obwohl sie wohl schon genauso alt ist wie die Menschheitsgeschichte selbst. Man denke an die Schöpfungsgeschichte in der Bibel, in der zwei Menschen mit dem Konflikt zwischen den Ansprüchen der äußeren Welt und dem inneren Verlangen nach Selbstständigkeit zu kämpfen haben. Später ging es weiter mit Kierkegaard, Rousseau, Hegel, (diese Reihe ließe sich noch viel weiter vervollständigen) und gipfelte dann im Existentialismus von Sartre und Camus. Auch auf der künstlerischen Ebene ist dieses Thema ein beliebter Stoff. Besonders intensiv beschäftigten sich damit die Kunst der Dada-und Surrealisten, die Schriften Kafkas und die Theaterstücke von Beckett. Das einzige, was sich bei dieser Thematik in den letzten 100 Jahren geändert hat, ist, dass das Internet, eine zusätzliche und weitgehend in sich geschlossene Welt, dazu kam, die von vielen Menschen aber nicht nur als eine Wirklichkeitserweiterung empfunden wird, sondern als ein weiterer Faktor, der diese »Entfremdung« vorantreibt.

Das Theaterstück gestern stand also in seinem gesellschaftsphilosophischen Ansatz in einer langen Tradition.

Das innere Drama, das Menschen erleben, wenn sie sich nicht mehr sicher fühlen, weil sie fürchten, dass überall verbale Angriffe lauern. Das Gefühl, weder als Mitläufer mit der Masse noch als separierter Sonderling wertvoll zu sein, das dauerhafte innere Leiden der Figuren, ihr aggressives Verlangen, sich selbst zu bestrafen, um zu vergessen, um irgendetwas zu fühlen außer Leere. Das Gefühl innerer Zerrissenheit »zwischen noch nicht und schon nicht mehr«. Die Angst, Fehler zu machen, falsch zu sein. Ihr Wunsch zu lieben und geliebt zu werden als der, der sie sind, ohne dabei verglichen oder instrumentalisiert zu werden.

All das wurde gestern Abend eindrücklich gezeigt und mit Krieg gleichgesetzt. Dagegen ist meines Erachtens nichts einzuwenden ist. Denn wenn es um innere Welten geht, kann man gar keinen zu großen Begriff dafür wählen.

Doch dann gab es noch diese Sache mit der Ironie. Ironie kann, gut eingesetzt, sehr lustig und sehr klug sein. Die Frage ist aber, wie weit kann man es mit der Ironie treiben, ohne dass sie irgendwann auf nichts Anderes mehr verweist als auf sich selbst? Die Selbstironie hat im Stück gestern Abend auf jeden Fall eine zentrale Rolle gespielt. Und Selbstironie im Theater kann ja nie schaden, schon gar nicht bei einem so großen Thema, oder? Ich glaube schon, nämlich dann, wenn sie dazu dient, den Zuschauern zu vermitteln, dass die Schauspieler sich darüber bewusst sind, dass sie selbst nicht einhalten, was sie propagieren, weil das ja eigentlich auch unmöglich ist, aber für dieses eigentliche Dilemma wiederum keine Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Diese Form der Selbstironie ist dann nämlich kein Zeichen von Bescheidenheit mehr, sondern eine getarnte Form der Selbstdarstellung.

Foto: Dave Großmann