Fleisch:
Es steht kein Baum mehr

Der Name war Programm. Mit »Fleisch« zeigte P14 am gestrigen Abend ein Stück, in dem die Körper der sechs Schauspieler im Mittelpunkt stehen. Jede Szene ist voller Körperbeherrschung gespielt, kein Schritt und keine Geste geschieht umsonst, immer scheinen die Bewegungen aller sechs Figuren der ganzen Performance zu dienen. Doch es ist keine wollüstige oder naturbejahende Fleischlichkeit, die hier zu sehen ist. Sondern eine zähe und widerspenstige, eine ernüchterte Fleischlichkeit: Von Massenmedien und hülsenhaften Lebensentwürfen abgeschreckt, von Visionen enttäuscht, ist das einzige, was einem bleibt, der eigene Körper, aus »Fleisch«, »Wasser« und »Salz«.

Es geht um die Lebensmüdigkeit und Verzweiflung einer Generation, für die das revolutionäre »Ich mach nicht mehr mit« schon zu sehr eingestaubt ist, um ohne Ironie ausgerufen zu werden. Wo alles Sich-Widersetzen schon zu einem Gesetzten geworden ist, und sich alle Eskapaden (Sex and Drugs and Rock’n’Roll) als Sackgassen erwiesen haben, da bleibt eine Anspannung und Erregung übrig, die sich nirgendwohin kanalisieren lässt. Diese Ausweglosigkeit setzt P14 mit aller Härte und Bitterkeit auf der Bühne ins Werk.

Programmatisch ist eine Szene in der Mitte des Stücks: Wir sehen eine Figur, die mit überwältigender Entschlossenheit Anlauf nimmt, um eine Tür einzurennen, aber kurz davor, wie von einer alptraumhaften Macht aufgehalten, zu Boden stürzt. Nur um ihren Versuch, mit sisyphoshafter Verbissenheit, zu wiederholen.

Diesem Motiv folgend scheitern alle Versuche der Erlösung: Ein wilder Discoabend endet in der schreienden Kälte von Stroboskopgeflimmer. An einem Abend mit Freunden gibt es nichts zu erzählen, und nur die gestellten Fotos mit Hochglanzlächeln zeugen von einer Zeit der Freude, die nie stattgefunden hat. Weiter wird das Stück nicht gehen – das ist schon nach einer halben Stunde zu befürchten. Ein beklemmendes Gefühl macht sich breit, während die Stiefel weiterstampfen und dem Zuschauer die rhythmischen Texte, in denen die »Masse« und die Lebenslügen der westlichen Welt verurteilt werden, mit mechanischer Unaufhaltsamkeit entgegenrattern.

Schließlich gipfelt alles im Ausruf: »Das ist Krieg!« Es sei Krieg, durch eine belebte Straße zu gehen, in der man keinen kennt; es sei Krieg, von seinem Partner verlassen zu werden; es sei Krieg, dass alle nur an Sex denken und so weiter. Aber trotz der triumphalen Entschlossenheit, mit der dieses Urteil herausgeschrien wird, ist daraus kein Trost zu schöpfen: Wenn alles Krieg ist, dann ist gleichsam nichts Krieg, dann kann man damit nichts anfangen und nichts unterscheiden, dann könnte Krieg genauso gut sein, wie nicht sein.

An dieser Stelle wird beim Zuschauer die Sehnsucht nach einer Hoffnung laut, nach dem Setzen neuer Unterscheidungen, dort, wo sich alle alten als sinnlos erwiesen haben – aber das bleibt versagt. Am Ende des Stücks steht kein Baum mehr, und mit einem Schuss, der den Figuren den symbolischen Tot versetzt, endet das Stück im BLACK. Ohne eine Irritation zu hinterlassen, oder einen Schimmer, der einen vom Gefühl des völligen Erwürgtseins befreien würde.

Foto: Dave Großmann