Fleisch:
Ausweitung der Kampfzone

Zu Beginn treten die Schauspieler des P14 als Waldtiere auf die Bühne. Jedes Individuum verkörpert durch Körper und Stimme ein individuelles Tier. Ein ästhetisch ansprechendes Bild auf der puristischen, weiß getünchten Bühne. Dann, von ungehörten Schüssen getroffen, erstarren sie und fallen vornüber auf den Boden. Das Thema der Eigenproduktion wird hier bereits eingeführt und in den folgenden Szenen variiert: Ob Kaninchen oder Uhu, jedes individuelle Waldtier bleibt immer zugehörig der Gemeinschaft der Tiere, da jedes Lebewesen das gleiche Schicksal teilt – es wird sterben. Das bedeutet Krieg, ein Krieg der Selbsterhaltung. In dieser Hinsicht erinnert »Fleisch« an eine beim Trinken und Rauchen beschlossene künstlerische Zusammenarbeit von Brecht und Houellebecq. Leben ist Krieg. Lieben ist Krieg. Auch wenn ein Schauspieler fordert, »jetzt schieß doch nicht mehr, verdammt«, dann ist das sinnlos, denn die Kriegszone ist ausgeweitet: Der metaphorische Kriegszustand beherrscht alle Lebenserfahrung und kann daher auch nicht enden, bis das Fleisch lebendig ist. Darin begründet sich, dass »Fleisch« mit einem Black und einem lauten Schuss endet. Auch wenn dies formal keine innovative Idee ist.

Die Variation des Themas wird von der starken schauspielerischen Leistung der drei Schauspielerinnen und der drei Schauspieler des Ensemble-Theaters getragen. Die Ausweitung der Kampfzone ist die Leitidee für unterschiedliche, von den einzelnen Schauspielern am Rande der Bühne starr in das Publikum gesprochene Befindlichkeiten: So verspürt eine, sich selbst zu zerstören bis sie sich von der Liebe, und damit auch vom Verlust dieser, befreit hat. Von der Metaphorik des Krieges ausgehend, entwickeln einzelne Schauspieler ihre Geschichte eines ganz eigenen Krieges, den sie individuell austragen müssen. Aber immer, wenn ein Individuum eine Bewegung initiiert, verfällt das Ensemble letztendlich in einen einheitlichen Rhythmus: Der Massenmensch ist erwacht, seine Bewegungen geschehen im Gleichschritt und dulden keinen individuellen Ausdruck. Hier wird Brechts Textgrundlage zum deutlichen Einfluss: Zum einen fällt überraschend das Wort »Bourgeoisie« (Was war das?). Zum anderen wird visuell klar, dass die Konkordanz des Einzelnen innerhalb eines Systems dem Funktionieren eines Mechanismus dient. Gleichheit wird hergestellt, da jedes Glied der Masse austauschbar ist.

So stellen die Schauspieler zwar fest, »die Masse ist lebensgefährlich«, dennoch können sie sich ihr nicht entziehen. Der Krieg bedient sich dieses Mechanismus’: Nur in der Masse wird Handlung effektvoll. Dafür fehlen aber die Affekte. Diese emotionale Kälte im Spiel durchzieht das ganze Stück und charakterisiert somit auch die Szenen, in denen das Individuum einen Ausdruck sucht. Die fehlende Zärtlichkeit verhindert, dass der Zuschauer von den Inhalten berührt wird, dass Identifikation ermöglicht wird. Die daraus entstehende Problematik ist, dass die einzelnen Geschichten gehört werden – und dabei bleibt es. Einer erzählt davon, dass er die Liebe seines Vaters immer wieder aufs Neue einfordert, denn er will sie haben, um daraufhin sein Bedürfnis an ihr verlieren zu können. Sein Schicksal bleibt nur über die Metapher des Kriegs wirkungsvoll. Eine zusätzliche Wirkungskraft erhält sie auch durch den Einsatz von Stroboskop-Licht leider nicht. Ebenso bleibt der Einsatz der Mikrophone beliebig, auch wenn dadurch akustisch ein ästhetischer Klangteppich unterschiedlicher Stimmen gewoben wird.

Im Alltag herrscht die Dichotomie von Bedürfnis nach Gemeinschaft (heißt, Liebe) und dem Bedürfnis nach Individualität (heißt, Autonomie). Die Gemeinschaft dient als Ort der Geborgenheit, deren Funktion einer Dienstleistungszentrale für Zärtlichkeiten gleichkommt. So applaudieren und umarmen sich die Schauspieler nach einer Yoga-Session. So lässt sich die Wut intensiver artikulieren, wenn alle in gleicher Position stehend, mit gleichem Ausdruck, in gleicher Lautstärke »Verdammter Kack!« ausrufen. So glaubt man paradoxerweise, auch Freiheit lasse sich intensiver spüren: Eine Schauspielerin fordert die anderen auf, in ihre Percussion einzustimmen. Die Schlussfolgerung lautet, man brauche »Gemeinschaft, um überhaupt individuell« zu sein.

Auf der anderen Seite gibt es im Krieg immer auch die Feinde, zu denen jeder gezählt werden kann, außer das Individuum. Brechts Protagonist Fatzer wird von seinen Begleitern allein gelassen, als er angegriffen wird. Dann, als er verprügelt aufgefunden wird, inspizieren ihn seine Mitmenschen mit einer Kamera, deren Perspektive auf die Wand projiziiert wird. Diese technisch aufgeladene Fleischschau erzeugt ein ästhetisches Bühnenbild – aber wieder wird dadurch der Inhalt nicht um eine Bedeutungsdimension erweitert. »Ihr seid nicht echt / ihr seid nicht ich / ihr seid nicht Fleisch«, bleibt somit bis zum Ende das anfänglich proklamierte Credo.

Foto: Dave Großmann