Fix Me Baby, One More Time!

Die Familie Rangarang möchte Henrik Ibsens Peer Gynt in eine moderne Lebenswelt übertragen . Das klappt nicht immer. Den Eskapismus , der eigentlich kritisiert wird, kann man auch dem Stück selbst vorwerfen. Von Philipp Neuwert

Party in Amerika. Party in Marokko. Party überall. Tanzen zu Stroboskoplicht und Champagner. Der durch Sklavenhandel reich gewordene Norweger Peer Gynt, durch eine goldene Kette in Form seines Namens jederzeit erkennbar, genießt sein Leben als reicher Sklavenhändler. Es wird getanzt, es wird gefeiert. Erleichterung stellt sich nicht ein. Nach dem Tod seiner Mutter, die ihn zwar liebt, aber nicht ernst nimmt, flieht Peer Gynt in die weite Welt. Dort findet er Reichtum, aber kein Glück. Auch sein Geld verliert er bald. Alt und allein kehrt er in seine Heimat Norwegen zurück. Dort erlöst ihn seine Jugendliebe Solveig, die die ganze Zeit auf ihn gewartet hat, mit ihrer Hingabe. Das ist die Story.

Peer Gynt wirft zeitlose Fragen nach der eigenen Identität und dem Verhältnis von Wirklichkeit und Illusion auf. In welcher Form sie heute von jungen Menschen gestellt und beantwortet werden, erfährt man in dieser Inszenierung kaum. Die Familie Rangarang poliert den Stoff zwar optisch und akustisch mit Tanzeinlagen und moderner Musik auf. Es gelingt dem Ensemble aber nur selten, den Stoff mit eigenen Ansätzen anzureichern oder ihn in der Tiefe zu hinterfragen.

So wird zwar das negative Frauenbild des Stückes kurz vor Ende lautstark auf der Bühne bemängelt: Spieler*innen kritisieren, dass Solveig so lange nur auf Peer gewartet hat. Von der von Peer herbeigesehnten Erlösung distanziert sich das Stück am Ende aber nicht, im Gegenteil. Während Coldplays Stück Fix You läuft, huschen Spielende durch das Publikum und bringen alle Zuschauenden zum Händchenhalten. Das ist die Flucht in eine Erlösungsfantasie, die noch weitaus kitschiger und eskapistischer ist, als es aus Ibsens Textvorlage hervorgeht.

DAS ENSEMBLE FLIEHT VOR DEN FRAGEN, DIE ES SICH SELBST STELLT
When you get what you want but not what you need, heißt es in Fix You. Das passt gleich doppelt zum Stück: Der arme Peer findet zwar Reichtum, aber kein Glück. Und auch das Publikum bekommt nur, was es es will, aber nicht was es eigentlich braucht. Es bekommt: ausgestellte Jugendlichkeit, viel körperliche Dynamik und große Gefühle. Es bekommt nicht: eine substantielle Antwort auf die Frage, was aus gegenwärtiger Sicht eigentlich noch fruchtbar an der Geschichte Peer Gynts ist.

Das Ergebnis ist paradox: Die Inszenierung thematisiert Peer Gynts Eskapismus, weicht aber gleichzeitig einer Auseinandersetzung mit den aufgeworfenen Fragen aus, genauso wie Peer Gynt vor der Realität flieht.Der Norweger flieht in seine Lügengeschichten, die Spielenden fliehen in Klamauk, viel Bewegung und Stroboskoplicht.