Feuerblume:
Bewegter Impressionismus

In Feuerblume verbindet die Kindertanzcompany Berlin von Sasha Waltz & Guests die Elemente und fesselt das Publikum in einem fließenden Bilderrausch.

Ich bin mir nicht sicher, was ich mir unter tanzenden Kindern vorgestellt habe. Vielleicht ein amüsantes Durcheinander, bei dem man als Zuschauer*in darüber hinwegsieht, wenn diese kleinen Menschen auf der Bühne übereinander stolpern. Es sind ja nur Kinder. Hauptsache, sie haben Spaß an der Bewegung. Man schiebe es auf meine mangelnde Erfahrung mit professionellem Kindertanz. Meine Kenntnisse gehen hier nicht über ungelenke, aber in ihrer mangelnden Körperkontrolle unendlich niedliche Performances von Kindergartenkindern hinaus. Dementsprechend muss ich meinen Unterkiefer nach der ersten Minute von Feuerblume geradezu festhalten, damit mir der Mund nicht ständig offen steht.

Tatsächlich werde ich Zeugin einer erwachsenen Bewegungsführung mit akrobatischen Soli, die von Dilettantismus meilenweit entfernt sind. Mit der Energie von kleinen Funken springen die Tänzer*innen über die Bühne, verwandeln sich in Sandkörner, die sanft vom Wind fortgetragen werden und versammeln sich am Ende zu einem geordneten Gruppenbild aus ineinander fließenden Körpern zu entladen. Da werden Hände gejagt, da wird unter den eigenen Armen weggetaucht, in Vielfach-Pirouetten und mit gestrecktem Bein zum Boden gefunden. Und alles geschieht so professionell, dass ich die aufgeregt plappernde Kindertruppe, durch die wir uns unmittelbar vor ihrem Auftritt einen Weg zum Aufführungssaal gebahnt haben, fast vergesse.

Für Struktur und Kontinuität in der Inszenierung sorgt eindeutig die Musik von Bukahara. Erst mystisch, dann orientalisch und in steigerndem Tempo trägt sie durch die kurzweilige Inszenierung. Man kann sicherlich behaupten, dass der Zusammenklang von Gitarre (die zeitweilig zum Rhythmusinstrument umfunktioniert wird), Kontrabass und Posaune Feuerblume atmosphärisch trägt und zusammenhält. Die Geschwindigkeit und Form der Bewegungen, die die Tänzer*innen vollführen, orientieren sich dabei stark am Duktus der Musik, passen sich der erzeugten Stimmung an.

Ein erkennbares Narrativ hat die Inszenierung nicht. Im Greifen, Strecken, Drehen und Winden der Tänzer*innen kann man zwar die im Programmheft angekündigten, wechselnden Energiezustände wiederfinden, doch darüber hinaus scheint Feuerblume keine Geschichte zu erzählen. Der optische Reiz der Gruppenchoreographien und die mitreißende Lebensfreude der Tänzer*innen auf der Bühne machen diesen Umstand aber vernachlässigbar. Wie ein impressionistisches Gemälde, in dem Licht und Farben in kurzen Pinselstrichen zu einer eindrücklichen Gesamtkomposition verschmelzen, funktioniert Feuerblume auch allein auf rein sinnlicher Ebene.

Der wahre Höhepunkt spielt sich jedoch nach Ende der Vorstellung ab: Von der Anwesenheit ihrer Eltern und Freunde beflügelt, stürmen die Tänzer*innen die Tribüne und ziehen Mitglieder anderer Ensembles auf die Bühne, wo sie zu improvisierter Musik in einen gruppen- und altersübergreifenden Gemeinschaftstanz ausbrechen. Das ist alles so schön, da möchte man gar nicht weiter drüber nachdenken. Deswegen versuche ich es gar nicht erst und lasse mich mitreißen.

Foto: Dave Großmann