Festivalworkshops:
Ein kleiner Abstecher

Auf meiner kleinen Reise quer über das Festivalgelände erreiche ich das Theater unterm Dach beim Workshop „Schau-Spiel-Platz“. In dem niedrigen Raum werfen sich die Teilnehmer einen Ball zu und rufen Namen. Schnell erkenne ich das System: Jeder ruft beim Werfen den Namen des übernächsten Fängers. Das System ist super! Nach kurzer Zeit habe auch ich die Hälfte der Namen drauf.
Aber das war natürlich nur eine kleine Auffrischungsübung. Jetzt ist die Aufgabe, sich möglichst als geschlossene Gruppe in einer gesetzten Zeit von 3 Minuten von einem Ende des Raums zum anderen zu bewegen. Es ist nicht einfach, die Zeit abzuschätzen, aber beim zweiten Versuch klappt das schon viel besser. Weiter geht’s: Jetzt wird die Zeit auf 5 Minuten hinaufgesetzt und es soll ein Mensch dargestellt werden, der auf dem Weg immer älter wird und gegenüber alt und gebrechlich ankommt. Auch wenn es schwer ist, den Blick von der Szenerie zu abzuwenden, zieht es mich weiter über das Gelände.

Ankommen tue ich im Turmzimmer, beim Workshop „Spielplatz Berlin“. Dort werden während einer Pause gerade noch mal die Texte besprochen. Es sind ausgedachte Geschichten von Menschen, die die Gruppenteilnehmer an der Prenzlauer Allee beobachtet haben. Jetzt wird die Szene wiederholt: Eine leicht genervte Mutter mit ihrem Eis schleckenden Kind geht die Straße entlang. Das Kind scheint in seinen Träumen versunken zu sein und übt spielerisch Tanzschritte. Als sie an einer Ampel warten müssen, wird ein Text eingesprochen und ich erfahre, dass dieses Kind tatsächlich vom Ballerinadasein träumt. Sie steht vor einem großen Publikum in Moskau, das ihr ohrenbetäubenden Beifall entgegenbringt. Ein Mann überreicht ihr einen Blumenstrauß und sie bekommt einen Kuss aufgedrückt. Der Kuss ist ein Hauptaspekt in der Nachbesprechung: der Traum des Kindes muss besser dargestellt werden, welche Vorstellungen hat ein Kind im Alter von fünf Jahren von Küssen? Schon leidenschaftlich wie in Liebesschnulzen oder doch nur einen kleinen niedlichen – „Küss doch einfach mal das Eis“?

Mit den neuen Überlegungen geht es wieder in die Szene und es wird versucht, die Geschichte weiter zu formen und den Einblick plastischer zu machen. Aus den Versuchen, das – nicht wirklich vorhandene – Eis zu küssen, entstehen erst unter Gelächter ein paar genierte Versuche, die immer besser, echter wirken.

Als nächstes lande ich im ZWIET, ein Stockwerk unter dem Theater unterm Dach. Dicke Rauchschwaden kommen mir entgegen, denn dort sitzen die Teilnehmer des „Dramaturgie“-Workshops in einem Stuhlkreis und diskutieren über ein Theaterstück. Die Autorin Katharina Schmitt nimmt als Gast in der Gesprächsrunde den Gegenpart zum Dramaturgen Ole Georg Graf, dem Workshopleiter, ein. Ich kann die Rädchen in allen Köpfen förmlich arbeiten sehen. Die Gedanken sind schon in so tiefe Sphären vorgedrungen, dass ein Einstieg ziemlich schwer ist. Im Zimmer hängen mehrere Plakate, auf denen Mindmaps und Übersichten erarbeitet wurden: Welche Ebenen gibt es in Theaterstücken, was will ich mit einem Stück erreichen, wie kann ich das vermitteln, wie stehen Rahmen und Inhalt in Beziehung und wie unterstützen diese meine Aussage? Mit diesen Fragen lasse ich sie wieder alleine und hole mir eine Fassbrause, um alles auf mich wirken zu lassen.

Viele sehr interessante Workshops – und schon bei den dreien von sieben finde ich es ziemlich schade, nicht die ganze Zeit dabei sein zu können. Denn eins ist klar: lernen kann man in diesen Wokshops eine Menge aus dem breiten Spektrum von Themen aus dem und um das Theater.