Ferienlager:
Träumen in Seidenpyjamas

Über Bühne und Sprache und Bollywood

Es ist ein schönes Bühnenbild, das uns die Produktion “Ferienlager – die 3. Generation“ von der akade-mie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße da präsentiert: ein ausladender Kronleuchter, grüne Stahlbetten auf aufgeschütteter Erde. Der erste Mensch (Adam) wurde aus Lehm, aus Erde (adama) gemacht, und auf diesem Menschsein bilden sich unsere Träume, unsere Wünsche. „Ich möchte leichter weinen können“, heißt es da zum Beispiel auf der Bühne. Vom Leben wollen die zehn Spieler erzählen, von ihrem Leben: vom Job, von der gescheiterten Liebe, von der Familie, von der Zukunft. Und dabei geht es dann vielleicht weniger um Migration als der Stücktitel „Die 3. Generation“ sug-geriert. Das Bühnenbild hätte aber noch anders, noch interessanter genutzt werden können, denn, jaja, schon klar, Kissenschlacht mit Rosenbettwäsche, und alle haben weiße Seidenpyjamas an – aber träumen wir denn wirklich nur in unseren Betten?

Das Ensemble besticht vor allem durch eine unglaubli-che Spiellust und Willen zum Witz; so ist eine der gelun-gensten Szenen des Abends die gemeinsame Bolly-wood-Persiflage, in der doch auch echtes Tanzkönnen gezeigt wird.

„Das Scheiß-Leben ist aber nicht immer lustig!“ Und deswegen wird geschrien und geschlagen und getreten und da macht dann das Zuschauen gleich weniger Spaß. Gewalt und Frustration, die den Zuschauer eher deprimieren als erreichen. Es sind dagegen die zarten Momente, die berühren: wenn der erklärte Perfektionist beginnt, im binären System etwas vorzuzählen (weil er es doch kann!), wenn es um die Angst geht, die eigene „Stimme zu verlieren, kurz vorm Einschlafen“.

Doch diese poetischen Versatzstücke können ihre Wir-kung kaum entfalten, weil da auf der Bühne vor allem eine ganz andere Sprache gesprochen wird: labern, ficken, Hundebengel. Man fragt sich nicht nur, warum diese Sprache bedient wird, was das aussagen soll, allzu oft konterkarieren die Spieler sich damit auch selbst: „Die Meinung anderer ist unsere Freiheit“ und „Halt deine Fresse, du Arschloch!“ auf einer Bühne – aber ohne eindeutige Intention zur Selbstironie. Beson-ders das Engel-Teufel-Duo am Anfang, das mit seinem Vorspiel eigentlich eine gelungene Anspielung auf den „Prolog im Himmel“ aus „Faust“ darstellt, ist durch die Mischung von gedrechselten Plattitüden und heftigen Kraftausdrücken einfach nicht ernst zu nehmen. So treffen Phrasen wie „Denn die Hölle braucht man nicht, da wo die Menschen sich selbst eine Hölle bauen“ und „Erst seit du die Menschen wählen lässt, verirren sie sich in Finsternis“ auf „Du Hund, du fetter“ und „Hast du vergessen, dass du mein Schwanz bist, du Wichser?“. Was erzählt uns eine solche Sprache über die Jugendli-chen, die sie sprechen?

Das Leben, aus dem uns die zehn Spieler des Ball-haus-Ensembles da berichten, ist kein Leben in Feder-betten und Seidenpyjamas. Es ist vielmehr ein Kämpfen an so vielen Enden, so vieles nur angedeutet, dass die Themenvielzahl den Zuschauer beinahe erschlägt. Aber solange man noch Träume hat, kann immer noch ge-tanzt werden, kann man darauf hoffen, von jemanden abgeholt und in ein gleißendes Licht geführt zu werden, kann man Listen schreiben, auf denen ganz oben steht: „Anders und neu soll alles werden.“ Und dass das von dem Ensemble an diesem Abend erzählt wird, ist viel-leicht das Wichtigste.

Foto: Dave Großmann