Ferienlager: Hier wird gelebt!

Im goldenen Licht eines Kronleuchters schlafen acht junge Menschen in Feldbetten. Die Feldbetten sind buchstäbliche Feldbetten – sie stehen auf weicher Erde. Zwei Engel treten auf, schwarz und weiß, sinnieren über die Schicksale der Schlafenden und streiten sich. Nach und nach erwachen die Schlafenden und offenbaren ihre Träume, Sehnsüchte und Ängste. Es geht um Jugendliche, deren Eltern und Großeltern aus der Türkei nach Deutschland kamen, und um ihre Suche nach Arbeit, Erfolg, Anerkennung, Freundschaft, und Liebe.

Wo sind wir? Es kann kein Ferienlager sein, aber auch kein Jenseits und keine Unterwelt. Es ist nichts anderes als die Bühne selbst, der Illusionsraum, der auf der Bühne entsteht: die Erde als der Boden für die Geschichten, ein buchstäblicher Erzähl-Grund, die Betten darauf als der Ort, aus dem die Figuren und ihre Träume aufstehen. Manchmal leben sie verschiedene Geschichten, manchmal schimmern konsistente Charaktere hindurch: die Schauspieler sind Erzählkörper, sich des Schauspielens voll bewusst, ohne bei dieser Erkenntnis stehenzubleiben, sondern um an dieser Stelle anzufangen. Der epische Bruch ist kein finaler Tusch, sondern die Geburt des Erzählkosmos.

In diesem Illusionsraum, der von Anfang an wie selbstverständlich da ist, bewegen die Szenen durch authentisches, witziges und gefühlsintensives Spiel. Da erscheinen Tänze und Scherze nicht wie gewollte dramaturgische Kniffe, sondern als Teile des Erzählflusses. Die Frage, ob die Szenen nun erfunden und hart eingeprobt sind, oder gefühlt, biografisch und aus der Situation gelebt, stellt sich während des Stückes nicht: Im Betrachten sind Gefühl und Herz bei den Schauspielern. Anstatt einer bloßen Bilderflut entsteht Empathie, ein Austausch aus Gefühlen zwischen Zuschauer und Bühne – ein Junge träumt davon, Basketballspieler zu werden und beschreibt minutiös das Ausdribbeln des Gegners, ein anderer plappert leidenschaftlich von seiner Faszination für das Binärsystem, ein Mädchen verzweifelt über die Sinnlosigkeit des Kopftuchtragens. Hier wird nicht dargestellt, oder sogar bloßgestellt und vorgeführt: Hier wird gelebt.

Bemerkenswert ist auch die gelungene Suche nach radikal neuen Bildern für altbekannte Ideen. Ein Beispiel: die Beschimpfung des schwarzen durch den weißen Engel: „Vergiss nicht, dass du mein Schwanz bist, du Wichser!“

So lächerlich es zunächst klingen mag: Das ist mehr als eine zeitgenössische Beschimpfung. Es ist die aus dem Zeitgeist gefühlte, hochsubtile Formulierung einer alten Idee: das Böse als „Schwanz“ des Guten ist die ständige Versuchung, die das Gute begleitet, obszön und tabuisiert. Darüber hinaus ist es selbst ein „Wichser“: es penetriert sich selbst. Und während das Böse eigentlich nur auf sich selbst fixiert ist, entsteht wiederum Fruchtbares: Samen, neues Leben. Nicht umsonst wurde von den Engeln am Anfang des Stücks „Faust“ zitiert, denn diese Gedanken beziehen sich verblüffend direkt auf Mephistos Bekenntnis, er sei „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Foto: Dave Großmann