FASZINATION WÜRDE

„Ehrlos“ stellt sich seinen Themenkomplexen unverkrampft und gleichzeitig mit angemessener Bedeutsamkeit. Trotz der Wohnzimmerromantik einer Seifenoper und gelegentlicher Fahrstuhlmusik erreicht es einen Lustigkeitsgrad, der hässliche Krawatten wieder zum funktionierenden Witzmotiv machen kann. Zwischen Vatermythos und Vaterrealität nimmt es seine Charaktere kompromisslos ernst und schafft es zu parodieren, ohne bloßzustellen.


Keine Instrumentalisierung der Charaktere

Die Dialoge fühlen sich authentisch an, weder übertrieben noch vermeidend. „Ehrlos“ liegen einige poetisch dichtere Momente inne, in denen die Verfasser Feingefühl für Ambivalenz zeigen und eine sanfte, starke Stimme herausarbeiten, die durch das Stück führt. Im Allgemeinen werden Klischees erfüllt wie gebrochen, doch sie stehen nicht im Vordergrund. Der Mensch ist hier in aller erster Linie Mensch und kein Instrument, um Klischees zu bestätigen oder zu brechen. Mal stimmen die Eigenschaften der Charaktere mit Klischees überein, mal nicht, aber es geht nicht um Rechtfertigung, nicht um Instrumentalisierung.

Auch die Erwartungshaltungen des Zuschauers werden unaufgeregt gebrochen. Mit Augenzwinkern und Selbstverständlichkeit verwandeln sich allgemeine Situationen in spezifische, es geht nicht darum mit moralischer Überlegenheit zu blenden.


Ambivalenz der Autorität

Vor allem in den jüngeren Jahren der Charaktere geht es um die Beziehung zwischen Liebe und Vorbildern. Suchen wir uns die Eltern als Vorbilder aus oder fordern sie die Vorbildfunktion ein? Die Szenen spielen mit der Widersprüchlichkeit in Machtgefällen. Wo Gutmütigkeit, Fürsorge, Engstirnigkeit, Tradition und Persönliches zusammenfallen und wo richtig und falsch schwer erkennbar und unmöglich trennbar sind. Die Zuwendung der Väter zu ihren Kindern zeigt sich als ehrlich, aber auch selbstgefällig. Diese Selbstgefälligkeit kann manchmal ein harmloses Glorifizieren der eigenen Trinkkultur sein oder ein Ausarten von Gewalt über vermeintliche Beschmutzungen der Ehre. Im Stück werden sie nicht gleichgesetzt, nicht in Konsequenz gestellt, aber stehen doch nebeneinander, eindringlich.

Es wird sich nicht gescheut auch romantische Aspekte der Familienkonstellation und der Rolle des Vaters zu betrachten. Der Sohn beschreibt, wie er als Kind auf den Vater wartet, auf sein Nachhausekommen, um ihn 3 Sekunden für sich alleine zu haben, um mit ihm gemeinsam über die Türschwelle zu treten. Er will so freundlich und so aufrecht wie er sein, sagt er an anderer Stelle. Hier konzentrierten sich einige Ebenen auf kluge Weise: Einerseits ist es eine liebevolle Darstellung der Würde des Vaters, die einerseits aus seiner Position als Elternteil kommt, aber auch damit zu tun hat, dass er als Mann täglich in die Welt hinaus schreitet und dieser Wiederkommensmoment unweigerlich mit Faszination verbunden ist für das im Haus lebende Kind. Die Türschwelle als bürgerlicher Moment, ist hier auch die Trennlinie zwischen Räumen. Lebensrealitäten fügen sich aneinander. Gerade noch in der Familie, befinden sich die Charaktere bald in einer Disko. Die Regeln und Hoffnungen sind hier andere und stehen auch im Widerspruch zu denen in einer häuslichen Situation. Ich-Räume eröffnen sich, Spaltungen in der Gesellschaft und im Individuum entstehen.

Wenn es hart auf hart kommt, erscheint Liebe fast als Schmiermittel der Machtverhältnisse. Sie erpresst das Gewissen über die Integrität hinweg und verhindert Reibung. Die Liebe des Vaters wird in der Frage nach Ehre als verqueres, emotionsgeladenes Besitzverhältnis demaskiert. Er empfindet seine Schwester, seine Mutter, seine Tochter als Erweiterungen seiner selbst. Wenn ihre Ehre beschmutzt wird, wird seine Ehre beschmutzt – und eben die ist relevant. Die Frauen beginnen im Aspekt der Zugehörigkeit zu existieren.


Männliches Wachstum
oder menschliches Wachstum

„Ehrlos“ entgeht der Falle, verallgemeinernd zu wirken, indem es Raum für das Thema Vertrauen schafft. Ein Pfarrer spricht über ein lesbisches Mädchen und erklärt, dass sie das Vertrauen missbraucht, das die Gemeinde in sie gelegt hat. Was ist Vertrauen hier?

Vetraut man dem anderen, das zu sein, was man von ihm erwartet? Ein Vater, sagt er, vertraut seiner Tochter, aber nicht den Männern draußen. Sie könne nicht alleine spazieren gehen in der Nacht. Bestraft muss sie werden, nicht die Männer. Doch Vertrauen entsteht auch durch Solidarität und Unterstützung: Meine Heldin, sagt fast am Ende der männliche Hauptcharakter zu seiner Schwester, und für einen Moment ist eben diese Solidarität der stärkste Aspekt in der Realität des Stücks.

Das Stück ist ein rundes Ding, dramatisch, lustig, talentiert, uneingebildet. Es arbeitet mit Geschichten und Fragen und nur zögerlich mit über das Persönliche hinausgehenden Antworten. Es erspart sich damit einen lehrerhaften Charakter, doch vielleicht auch eine Chance. Denn es kann sich nicht von seiner Ausgangsfrage lösen. Was ist Männlichkeit? Emotional stabil oder Macho? Selbstbewusstsein? Den ganzen Abend durch wird Männlichkeit verhandelt und neu definiert, menschliches Wachstum entsteht, doch innerhalb dieses Raums muss es männliches Wachstum bleiben und riskiert so die andauernde Einschränkung durch Rollenbilder – wenn es auch fortschrittlichere sind.


Foto: Dave Großmann