Familiengeschichten –
Reise nach Absurdistan

Es gibt Dinge, die muss man verschweigen, um andere Dinge, die man nicht verschweigt, mögen zu können. Und es gibt Momente, in denen man durchhalten muss, um den Moment darauf erleben zu können.

In den ersten zehn Minuten von „Familiengeschichten“ bereitete ich mich auf eine Katastrophe vor. Die Dialoge klangen für mich zu dramatisch, zu sehr geschrieben und nicht authentisch. Die Schauspieler auf der Bühne waren sichtlich nervös, lachten über ihren eigenen Humor; im Hintergrund tranken sie aus Wasserflaschen und sprachen miteinander, vergaßen womöglich das Publikum oder ignorierten es schlicht. In den choreographierten Szenen wussten einige nicht, wo sie hinsollten, stießen gegeneinander, zuckten mit den Schultern, lächelten, was nun? Es ärgerte mich.

Der erste Bruch, der kam: Der Ehemann ist eifersüchtig, sieht an seiner Frau einen Ring, entdeckt ein Kuscheltier, stellt sie zur Rede. Sie verbittet sich die Anschuldigungen, er steigert sich immer weiter rein. Irgendwann, da zückt er eine Pistole und ich sinke in meinen Stuhl. „Pistole!“, denke ich mir. Das macht man doch im Theater nicht, wenn man nicht weiß wozu. Es schien, als wüssten sie nicht wozu.

Aber, das stellt sich Sekunden später heraus, sie wussten das sehr wohl: Die Frau greift die Pistole aus seiner Hand, schaut ihn verführerisch an. Es war, ach, nur ein Rollenspiel zum Aufgeilen, Sex sollte folgen. Ich lache laut, die verdammte Wabe ist viel zu heiß, die Klimaanlage nicht existent. Der Bruch ist passiert, von nun an lache ich im regelmäßigen Rhythmus.

Ganz oft passiert das nämlich: Melodramatisches wird gerettet durch das Absurde, das Stück wird niemals zu schwer, verliert aber auch aufgrund der persönlichen Statements der Schauspieler vorne am Mikro über ihre eigenen Familien nie die Sensibilität. Es ist eine gute Mischung zwischen vielen verschiedenen Elementen; es wird getanzt, es wird (sehr gut) gesungen – am Ende kommt man mit einem guten Gefühl aus dem Theater.

Man hat sicher kein Meisterwerk der Theaterkunst gesehen, das mag sein. Schauspielerisch gibt es auch noch einiges an Entwicklung, die durchgemacht werden muss, auch das mag sein. Aber „Familiengeschichten“ lebte gestern Abend von seinen Intentionen: Über die Wichtigkeit von Familie, über die Unersetzlichkeit von Familie, über glückliche und unglückliche Fügungen, über Klischees, die existieren und über Unwahrheiten, die gesprochen werden. Jeder bekommt sein Fett weg, die deutsche genauso wie die persische, die russische und die türkische Familie. Und am Ende wartet ein großes Fest.

Ein Mädchen ist schwanger. Von ihrem Vater. Inzest. Der Familien-Hadschi kommt und möchte das Mädchen zur Frau nehmen, um die Ehre der Familie zu retten. Alle scheinen zufrieden über diesen Vorschlag. Doch dann kommt der Freund des Mädchens, mit der Pistole in der Hand, schießt auf den Vater, tötet ihn. Er glaubt, er habe damit die Ehre der Familie gerettet. Als gefragt wird, warum er das denn gemacht hat, antwortet er: „Das macht man doch bei Euch so.“

Und schon wieder gerettet.

Es gibt Dinge, die muss man verschweigen, um andere Dinge, die man nicht verschweigt, mögen zu können. Es gibt so einiges, das man hätte besser machen können. Eine gewisse Disziplin auf der Bühne zum Beispiel, schauspielerisch. Und es gibt Momente, wie der zu Beginn beschriebene, wo man durchhalten muss, um den Moment darauf erleben zu können: Nur so erlebt man den herrlichen Umschwung von Pathos zu Absurdistan.

Foto: Maria Henning