Familiengeschichten –
Kind und Kuschelhase

Schwere Geschütze haben die Spieler des jungen schauspielhannover mit ihrem Stück Familiengeschichten gestern aufgefahren. Ein Junge, der zehn Jahre lang so tut, als würde sein Vater noch leben; ein Mädchen, das auf einmal zwei Väter hat; ein anderes, das nur einen hat, aber von dem ein Kind erwartet; eine Trennung schon vor der Hochzeit. Es fallen Sätze wie: „Dumm bist du, und hässlich bist du auch“ und: „Er ist tot. Juchhu!“.
Es fällt einem manchmal schwer, den Spielern diese Geschichten zu glauben. Die Texte wirken nicht authentisch genug und sie werden auch nicht überzeugend genug gesprochen, zum Beispiel, wenn der deutsche Junge erfährt, dass seine Freundin schwanger ist, und er sagt: „Damit habe ich nicht gerechnet.“ Oder wenn der erste persische Papa erklärt, warum er zehn Jahre lang nicht nach Hause gekommen ist: Das Wetter war Schuld. Ausgerutscht. Gedächtnisverlust. Auf einmal ist ihm wieder alles eingefallen. Auch die Gefühle sind wieder da, für Frau und Kind und Kuschelhasen.

Aber man soll diesem Ensemble auch gar nicht alles glauben, das wird schnell klar. Es ist immer wieder ein Spiel im Spiel, die Darsteller verlassen ihre Rollen und erzählen uns ihre eigenen Geschichten am Mikrofon, beziehen Stellung zu der gerade gezeigten Szene. Dann treten sie wieder zurück und spielen weiter. Damit zeigen sie, dass sie nur spielen.

Es wird überspitzt, übertrieben, karikiert. Vorurteile werden herausgegriffen und lächerlich gemacht. Das von ihrem eigenen Vater schwangere türkische Mädchen muss vor dem Hodscha niederknien und ihren Vater um Verzeihung bitten. Was gerade dabei ist, zu unerträglichem Psychoterror zu werden, kippt, als der deutsche Junge die Szene stürmt und den Vater kurzum erschießt. „Ich habe eure Ehre gerettet. Das macht man doch bei euch so.“

Die Spieler nehmen sich selbst nicht zu ernst, auch nicht ihr Publikum, und daraus resultiert eine Leichtigkeit, die Stück und Stoff zuträglich ist. Immer wieder schocken die Hannoveraner mit überraschenden Wendungen und sehr viel Frechheit. Sie sind respektlos. Wunderbar respektlos. Dazu gehört auch, dass acht Jugendliche auf der Bühne stehen und rauchen. Weil es ja vielleicht im nächsten Jahr auf dem ttj verboten sein könnte.
Trotzdem: Obwohl die Spieler immer wieder bewusst aus ihren Rollen fallen, passiert ihnen das auch ungewollt. Bei den Umbauphasen, wenn sie im Hintergrund auf den Stühlen sitzen oder auch, wenn sie über ihre Rolle lachen. Wenn jeder Spieler 90 Minuten auf der Bühne sein muss, dann ist das anstrengend – aber man darf es eben nicht merken.

Allerdings macht das Ensemble das mit ihrer Dynamik, mit ihrem Engagement wieder wett. Sie lachen über sich selbst und wollen, dass man mitlacht. Ihre Ehrlichkeit am Mikrofon berührt, und auf einmal glaubt man ihnen eben doch alles, was sie an diesem Abend erzählen. Denn neben den Figurenschicksalen, die sie auf der Bühne nachzeichnen, erzählen sie auf einer viel allgemein gültigeren Ebene von Liebe, von Freundschaft, von Hass und von Versöhnung. Sie erzählen von Kompromissen und Konfrontationen, von Ängsten und Hoffnungen. Sie entwerfen ein Bild von Familie, das bei allem Trotz und allem Sarkasmus doch ein zärtliches ist.
Wenn man sich schon vor der Hochzeit trennt, kann man trotzdem eine Familie werden. Wenn man der Mutter verspricht, nicht zu rauchen, obwohl man es natürlich doch tut, kann die Zärtlichkeit dieser Aussage sie doch zu einer ehrlichen machen. Wenn ein ungeliebter Mensch auf einmal nicht mehr da ist, kann sich manchmal dann doch zeigen, was er für das eigene Leben bedeutet hat.

Zu den authentischsten, ehrlichsten Momenten in dieser Inszenierung gehört das Duett von Mutter und Sohn der russischen Familie. Klar und berührend gesungen, offenbart sich in der Melodie die Zärtlichkeit, aber auch die Zerbrechlichkeit einer harmonischen Beziehung.

Insgesamt bleibt der Zuschauer trotz Spaß-Faktor des Stücks mit zumindest einer Frage zurück: Was wäre man selbst bereit, für seine Familie zu geben?