Familiengeschichten –
Ein Fest vom Feinsten

Ich hatte gestern gute Laune. Ich hatte gestern richtig gute Laune. Und soviel gelacht habe ich schon seit Wochen nicht mehr. Im Zelt wurde getanzt. Und gegrinst. Und gelacht. Und sogar ordentlich geflirtet. Was war passiert?

Das gestrige Stück war vor allem ein Eisbrecher. Die letzten drei Stücke waren harte Kost. Folter, Tyrannenmord, Amoklauf. In „Familien-geschichten“ war alles locker flockig. Nicht, dass es keine ernsten Elemente enthielt, aber die Komik und der Witz haben jegliche Traurigkeit und Bedrücktheit überschattet. Im positiven Sinne natürlich. Das ganze war wie eine bunte Feier, ein lustiges Treiben, ein Musical, beinahe sowas wie Stand Up Comedy. Jede Miniatur wurde ad absurdum geführt. Und wenn auch manchmal Aussagen nicht ganz konsequent erschienen, so hat es in sich nicht gestört. Schließlich handelte es sich um Dystopyen. Klischees, die man durchbrechen wollte, indem man aufzeigt, wie schwachsinnig sie sind.

Verdammt scharfzüngig war das ganze auch. Ich habe die ganze Zeit mitgeschrieben. Ein Zitat übertraf das andere. Mein persönlicher Favorit war die Szene mit dem verschwundenen Vater. „Ich war Zigaretten holen. Und dann bin ich ausgerutscht und habe mein Gedächtnis verloren“, war einfach zum Schießen. Und provokant war das Ganze auch. „In Deutschland verbrennt man keine Bücher“, da mag der eine oder andere gestutzt haben, doch ehe man fähig war, etwas zu sagen kam der provokante Nachtrag: „Ok, nicht mehr“.

Mit komischen Elementen wurden so ernste Themen wie Inzest, Gewalt oder Trauer umspielt. An manchen Stellen hätte ich am liebsten geweint. Habe es aber natürlich nicht gekonnt, weil die Witze dafür viel zu lustig waren. Und grundsätzlich war mir etwa ab der zehnten Minute des Stückes alles andere als nach Weinen zumute. Wie denn auch?

Es war einfach, das Stück zu schauen. Man wurde an der Hand genommen und durch eine farbenfrohe, aber trotzdem alles andere als perfekte Welt geführt. Das Ernste mag einem oberflächlich angerissen erscheinen, doch auch das sieht man nur oberflächlich betrachtend. Schließlich ging es um überzogene Klischees. Die tiefe Ernsthaftigkeit kam nicht bloß von den angerissenen Szenen, sondern von den Reflektionen der Spieler selbst am Mikrofon. Diese waren ernst und nicht immer ganz einfach. Gerade bei diesen Schnipseln wurde das friedliche Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen geschildert. Wunderbar.

Gestört haben mich ein paar Sachen trotzdem. Die Einflechtung der Soziologin Necla Kelek war zwar provokant, aber eher oberflächlich. War das die Meinung der Theatergruppe selbst? Haben sie ihre Arbeiten im Vorfeld gelesen? Es ging doch um die gemeinsame Evaluation des Stückes mit den Jugendlichen. Aber diese Episode erscheint eher wie ein angehefteter Fremdkörper, der einfach nur stört. Man hat das Gefühl, man wollte provokant in das Stück einsteigen und kontroverse Diskussionen hervorrufen. Es erscheint mir aber eher inkonsequent. Man beginnt zwar das Stück mit Necla Kelek, vergisst diese aber dann ziemlich schnell. Am Ende taucht ihr Name wieder auf, doch auch das praktisch unbegründet. Es sah erzwungen aus, so als wollte man Necla Kelek unbedingt nochmal erwähnen, um das Ganze konsequent erscheinen zu lassen. Zu unglaubwürdig erschien dieser Einstieg, weil er einen zu starken Kontrast mit dem Rest des Stückes bildete.

Und leider, wirklich total leider, konnte man manchmal die Sprache nicht so gut verstehen. Gerade bei den so wichtigen Reflektionen der Spieler über ihre eigene Familie und ihre Rollen gingen manche Sachen unter. Das fand ich schade. Auch das dauernde Herumzupfen an den eigenen Klamotten und kurze Gespräche mit dem Sitznachbarn mögen am Anfang ihren Charme gehabt haben, doch bei einem siebzigminütigen Stück empfiehlt es sich, doch eher konzentriert zu bleiben. So fielen die Spieler zu schnell aus der Rolle und die Grenzen zwischen Spiel und Realität verschwammen. Zwar war das Stück auf Nonsens-Humor angelegt, doch an einigen Stellen wurde es zu viel. Die Episode über den russischen Jungen, der den Tod seines Vaters verdrängt, hat mich persönlich mehr als berührt. Danach einen Witz darüber reinzuhauen, dass der Vater nicht in den Himmel kann, weil er nicht blond ist, ist so, als ob man einem wirklich eine reinhauen würde. Inwiefern die russische Familie ein russisches Klischee darstellen sollte, ist mir ehrlich gesagt auch nicht ganz aufgegangen.

Und jetzt mal kurz Luft holen! Wenn das gerade auch nach geballter Kritik klingen mag – dem ist nicht so. Das Stück war absolut rund und hatte eine positive Wirkung auf die Zuschauer.

Foto: Maria Henning