Familiengeschichten –
Bühne ist Macht

Irgendwann sei das ja Quatsch. Migrationshintergrund. Wenn alle darüber sprechen, jeder darüber diskutiert, das Fernsehen seine Reportagen sendet und in Schulen darüber gesprochen wird, ja, dann tritt das Hintere in den Vordergrund. Migration ist schließlich kein Geheimnis.

Migrationsvordergrund nennt sich dann die Wortschöpfung und die Gruppe aus Hannover sagt das mit einem Augenzwinkern. Man wolle bewusst auch provozieren, mit Klischees spielen. So fing das an, damals, als sie sich zum ersten Mal zusammensetzten und über ihre Ideen sprachen. Aus Improvisationen wurden Szenen, aus Szenen dann Geschichten.

„Wir wollten das Leben zu Hause zeigen“, sagt eine der Darstellerinnen, die wie alle Schauspieler in „Familiengeschichten“ auch, einen Migrationsvorder(hinter-)grund hat. Etwa sieben Nationen werden die Bühne stürmen, die verschiedenen Eltern-Konstellationen gar nicht erst mitgerechnet. „Das würden dann wahrscheinlich doppelt so viele werden“, wirft die Dramaturgin lächelnd ein. Die Zusammenarbeit zwischen ihnen habe wunderbar funktioniert; vor allem, weil sie auch privat sehr gut miteinander auskommen.

Zu Beginn war es schwierig. „Wir hielten uns zurück mit persönlichen Erfahrungen“, sagt ein Schauspieler. Die Familie sei schließlich das Beste und Wichtigste für viele Menschen im Leben, da wollte man nicht einfach einen Seelenstriptease hinlegen. Doch irgendwann erwischten sie sich dabei, wie sie Geschichten von zu Hause in die Improvisationen einfließen ließen, um bestimmte Situationen zu verarbeiten oder einfach nur, weil sie lustig genug waren für eine Theaterbühne. Sie führten auch Einzelgespräche mit dem türkischstämmigen Regisseur und gaben dabei eher zufällig Geheimnisse preis. „Das bin ja ich!“, merkten sie plötzlich.

Viele der jungen Darsteller erzählen im Gespräch auch von eigenen Erfahrungen als Integrations-Kandidaten. Man spüre schon, dass sie nicht immer von allen akzeptiert wurden. „Typisch Türke“ zum Beispiel habe jemand einmal bei einer Stücknachbesprechung gesagt. „Wir sind ja nicht irgendwelche Asozialen, sondern gehen auf ein Gymnasium“, wirft einer ein. Sie seien nicht dumm und auch keine Integrations-Kandidaten mehr. „Wir sind schon integriert“, sagen sie.

„Mehr Bühnen für alle!“, ist das Fazit zum Schluss. Theater zu spielen sei nicht nur ein Adrenalinschub, sondern auch eine Möglichkeit, sich auszudrücken und Geschichten zu erzählen. „Bühne ist Macht!“, sagt eine Schauspielerin. Hoffentlich macht sie süchtig.