„FACE2FACE“ –
Erschütterung und Barrieren

Manche Ereignisse erschüttern mich, dass mein Verstand und meine Gefühle durcheinandergeraten. Ereignisse, die mein Denken so bestimmen, dass für den Moment kein Eindruck von außen mehr für sich stehen kann, sondern alles mitgerissen wird von einem vereinnahmenden Gedankenstrom. Es ist ungerecht, dass das Tanzlabor Theater Aachen gegen das zwei Stunden alte Ergebnis der Bundestagswahl anspielen muss.

Aber FACE2FACE kann sich in diesem übermächtigen Kontext behaupten – durch die Thematisierung zwischenmenschlicher Beziehungen, von Aggression, Einsamkeit, dem Aufbau von Nähe. Das schlicht-weiße Bühnenbild und die ebenfalls weißen Kostüme öffnen einen sehr abstrakten, ästhetisierten Raum, in dem Zwischenmenschlichkeit in verschiedener Form erkundet wird.

In einer der lose verbundenen Szenen entwickelt sich beispielsweise das energiegeladene Solo einer Darstellerin zunächst zu einer bedrohlichen Gruppenszene, wenn die anderen Darsteller*innen nach und nach auf die Bühne treten. Dann entwickelt sich langsam eine intime, vertrauensvolle Situation, wenn die Tänzer*innen einzeln vortreten und etwas Unsichtbares von der Solistin empfangen. Das Individuum behauptet sich, wird von der Gruppe wertgeschätzt und ist dann wieder Teil eines Ganzen – auch in der Struktur des Stücks: Die Tänzer*innen bringen ihre Besonderheiten ein. Das immer wieder als Voiceover eingespielte Stimmengewirr in verschiedenen Sprachen zeigt ihre vielfältigen persönlichen Hintergründe, die vielfältige Musik zeigt die unterschiedlichen Geschmäcker der Gruppe. Andererseits entsteht durch Berührung, Bewegung, Emotion eine gemeinsame Kommunikation jenseits aller Vorurteile.

In einer anderen Szene tanzen zwei Tänzerinnen zunächst vor dem überlebensgroßen Porträt der jeweils anderen, um sich dann in der Mitte der Bühne zu treffen. Aggression wandelt sich in dieser Begegnung in Neugier und schließlich in Vertrauen. Das Stück gibt also, auch im Kontext der Bundestagswahl, Hoffnung: Dass Barrieren überwunden und Gemeinsamkeiten gefunden werden können, wenn man sich auf Augenhöhe nähert. Besonders eindrücklich bleiben dabei die Szenen im Gedächtnis, in denen immer zwei Darsteller*innen getrennt durch Wände ein Pas de deux tanzen – und trotz der Trennung entsteht durch ähnliche Bewegungen und Blickkontakt zwischen den Wänden hindurch eine berührende Intimität.

Hoffen wir, dass es in den nächsten vier Jahren auch in der Realität gelingt, mehr Barrieren ab- als aufzubauen.


Foto: Dave Großmann